Exzerpt aus:

Michael Foucault
Die Ordnung des Diskurses
Inauguralvorlesung am Collage de France 2.12.1970
ungek. Ausg. - Frankfurt/M, Berlin, Wien: Ullstein 1977, nr.3367

 

"In den Diskurs, den ich heute zu halten habe, [...] hätte ich mich gern verstohlen eingeschlichen. Anstatt das Wort zu ergreifen, wäre ich von ihm lieber umgarnt worden, um jedes Anfangens enthoben zu sein."

 „... man muss weiterreden, man muss Wörter sagen, solange es welche gibt; man muss sie sagen, bis sie mich finden, bis sie mich sagen - befremdende Mühe ..." (p.5)

„Das Begehren sagt: „Ich selbst möchte nicht in jene gefährliche Ordnung des Diskurses eintreten müssen;"

„Und die Institution antwortet: „Du brauchst vor den Anfängen keine Angst zu haben; wir alle sind da, um dir zu zeigen, daß der Diskurs in der Ordnung der Dinge steht; [...] und dass seine Macht, falls er welche hat, von uns und nur von uns stammt." (p.6)

„Ich setze voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird ..."

1. Erste Gruppe zur Kontrolle der Diskurse:

Ausschließungsprinzipien;

1.1  Erstes Ausschließungsprinzip:

Prozeduren der Ausschließung: Sichtbarstes ist das Verbot (p.7)

Der Diskurs steht in Verbindung mit dem Begehren und der Macht;

Der Diskurs „ist dasjenige, worum und womit man kämpft; er ist die Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht."

1.2. Zweites Ausschließungsprinzip:
Anderes Ausschließungsprinzip: Entgegensetzung von Vernunft und Wahnsinn; (p.8)

entweder der Wahnsinn „fiel in ein Nichts", „oder man entzifferte darin eine naive oder listige Vernunft, eine vernünftigere Vernunft als die der vernünftigen Worte." (p.9)

1.3. Drittes Ausschließungsprinzip (vielleicht):
Gegensatz zw. dem Wahren und Falschen; (p.10)
 
Grenzziehung bei den Griechen: noch im 6.Jh. v.u.Z. gab es den wahren Diskurs, „vor dem man Achtung und Ehrfurcht hatte und dem man sich unterwerfen musste, weil er der Herrschende war ..."
Dieser Diskurs: wird von den Befugten nach einem Ritual verlautbart; sprach Recht; prophezeite die Zukunft und half sie zu verwirklichen; führte die Zustimmung der Menschen herbei und verflocht sich mit dem Geschick.
Ein Jh. später war die höchste Wahrheit nicht mehr in dem, was der Diskurs war oder tat, sondern was er sagte. (p.11)
 
Der Diskurs hat sich zur Aussage selbst hin verschoben; zw. Hesiod und Platon Trennung des wahren vom falschen Diskurs;
„Der Sophist ist vertrieben.", „Diese Grenzziehung hat unserem Willen zum Wissen zweifellos seine allgemeine Form gegeben." Diese Form hat sich jedoch auch weiter verschoben; (p.12)

„... den Willen zur Wahrheit - jene gewaltige Ausschließungsmaschinerie. All jene, die in unserer Geschichte immer wieder versucht haben, diesen Willen zur Wahrheit umzubiegen und ihn gegen die Wahrheit zu wenden, [...] von Nietzsche zu Artaud und Bataille - müssen uns nun als - freilich erhabene - Orientierungszeichen unserer alltäglichen Arbeit dienen."

2.Zweite Gruppe der Kontrolle der Diskurse
Weitere Einschränkungen des Diskurses: Interne Prozeduren, „... die als Klassifikations-, Anordnungs-, Verteilungsprinzipien wirken." bändigen andere Dimensionen des Diskurses: Ereignis und Zufall; (p.15)
 
2.1. Allen voran der Kommentar;
Erklärung der Abstufung des Diskurses: Alltagssprechakte und jene Diskurse, die in weiteren Sprechakten wieder aufgenommen, transformiert, kommuniziert werden: Letztere v.a. religiöse und juristische, teilweise wissenschaftliche; (p.16)
 
„Die radikale Aufhebung dieser Abstufung kann niemals etwas anderes sein als Spiel, Utopie oder Angst. Spiel in der Art von Borges als Kommentar, der nur wörtliche (aber feierliche und erwartete) Wiederholung dessen ist, was er kommentiert." (p.17)
 
2.1.1. Der Autor „als Prinzip der Gruppierung von Diskursen, als Einheit und Ursprung ihrer Bedeutungen, als Mittelpunkt ihres Zusammenhalts." ->" Index der Wahrheit" (p.19)
 
„Um den Zufall des Diskurses in Grenzen zu halten, setzt der Kommentar das Spiel der Identitäten in der Form der Wiederholung und des Selben ein. Das Spiel der Identitäten, mit dem das Prinzip des Autors denselben Zufall einschränkt, hat die Form der Individualität und des Ich."

2.2. Weiteres (mögliches) Einschränkungsprinzip: Organisation der „Disziplinen" (nicht der Wissenschaften)

Die Disziplinen definieren sich durch den Bereich von Gegenständen, die Bündel von Methoden, das Spiel von Regeln und Definitionen; (ungleich Prinzip des Autors); „Zur Disziplin gehört die Möglichkeit, endlos neue Sätze zu formulieren." (ungleich Kommentar); (p.21)
 
Weiter: „einmal besteht die Botanik oder die Medizin, ebenso wie jeder andere Diskurs, nicht nur aus Wahrheiten, sondern aus Irrtümern, die nicht Residuen oder Fremdkörper sind, sondern positive Funktionen haben, historisch wirksam sind und eine Rolle spielen, die von der Wahrheit oft nicht zu trennen ist. Aber außerdem muss ein Satz [...] Bedingungen entsprechen, die in gewisser Weise strenger und komplexer sind, als es die reine und einfache Wahrheit ist ..." u.z. vom Ende des 17.Jhs. an; (p.22)
„Bevor er [der Satz] als wahr oder falsch bezeichnet werden kann, muss er, wie Georges Canguilhem sagen würde, “im Wahren" sein."
Mendel bspw. verwendete ein neues Instrumentarium, das der Botanik seiner Zeit fremd war; (p.24)
 
„Die Disziplin ist ein Kontrollprinzip der Produktion des Diskurses. Sie setzt ihr Grenzen durch das Spiel einer Identität, welche die Form einer permanenten Re-Aktualisierung der Regeln hat."

3. Dritte Gruppe von Prozeduren, zur Kontrolle der D: Qualifikation der sprechenden Subjekte; (p.25)
 
3.1. Das Ritual, die oberflächlichste und sichtbarste Form;
3.1.1. Teilweise davon abweichend: die „Diskursgesellschaften" [Anm: im Original in Anfgsstrichen]: z.B. Auch Akt des Schreibens, im Buch, Verlagswesen, Persönlichkeit des Schriftstellers findet darin statt. (p.27)
 
3.1.2.  „Doktrinen", zunächst scheinen sie nichts mit „Diskursgesellschaften" zu tun zu haben, da sie tendieren, sich auszubreiten (ungleich Diskursgesellschaften). aber: es gilt die gemeinsame Verbindlichkeit eines einzigen „Diskursensembles", die „Anerkennung derselben Wahrheiten";
„... die Zugehörigkeit zu einer Doktrin geht sowohl die Aussage als auch das sprechende Subjekt an - und zwar beide in Wechselwirkung." (p.29)

3.1.3. Zusammenfassung
„Was ist denn eigentlich ein Unterrichtssystem - wenn nicht eine Ritualisierung des Wortes, eine Qualifizierung und Fixierung der Rollen für die sprechenden Subjekte, die Bildung einer zumindest diffusen doktrinären Gruppe, eine Verteilung und Aneignung des Diskurses mit seiner Macht und seinem Wissen?" auch „Schreiben", Gerichtssystem, Medizin;

4. Die Art der Philosophie, Diskurse zu legitimieren
„Ich frage mich, ob sich nicht gewisse Themen der Philosophie als Antworten auf diese Einschränkungs- und Ausschließungsspiele gebildet haben und sie vielleicht verstärken." (p.31)
 
weiter: Durch Vorschläge: „ideale Wahrheit der Diskurse", „immanente Rationalität als Prinzip ihrer Abfolge", „.. sie verstärken sie [die Ausschließungsspiele] dann auch, indem sie die spezifische Realität des Diskurses überhaupt leugnen." (p.31/32)
 
4.1. Realitätsleugnung gewisser Diskurse
weiter: seit die Sophisten verbannt wurden, wacht man darüber, „dass der Diskurs so wenig Raum wie möglich zwischen dem Denken und der Sprache einnehme;", darüber, dass er „lediglich als Kontaktglied zwischen dem Denken und dem Sprechen erscheine;" -> Eliminierung der Realität des Diskurses;
Demgegenüber überlegenswert: vielleicht hat das begründete Subjekt die Aufgabe, die leeren Formen der Sprache mit seinen Absichten zu füllen. (p.32)
 
Doch es ist anders: „Was kann der Diskurs dann legitimer weise anderes sein als behutsames Lesen? Die Dinge murmeln bereits einen Sinn, den unsere Sprache nur noch zu heben braucht; und diese Sprache sprach uns ja immer schon von einem Sein, dessen Gerüst sie gleichsam ist."

4.1.1.Thema der universellen Vermittlung als Mittel, die Realität des Diskurses zu leugnen; (p.33)
 
weiter: Logos ist nur ein bereits gehaltener Diskurs;
Philosophie des begründenden Subjekts = Diskurs als Spiel des Schreibens;
Philosophie der ursprünglichen Erfahrung = Diskurs als Spiel des Lesens;
Philosophie der universellen Vermittlung = Diskurs als Spiel des Tauschs;
und diese Spiele „spielen immer nur mit den Zeichen. Der Diskurs verliert so seine Realität, indem er sich der Ordnung des Signifikanten unterwirft."
Wir haben von allen den größten Respekt vor dem Diskurs (Logophilie); (p.34)

4.2.Logophobie
Dahinter ist die Angst vor dem wuchernden Diskurs, „vor jenem großen unaufhörlichen und ordnungslosen Rauschen des Diskurses."

4.2.1  Analyse der Logophobie durch:
1) Infragestellung des Willens zur Wahrheit des Diskurses; 2) Rückgabe seines Ereignischarakters; 3) Aufhebung der Souveränität des Signifikanten; (p.35)

5.methodische Grundsätze zwecks Analyse der Themen, mit welchen sich Foucault in der nächsten Zeit beschäftigen will:

5.1. Prinzip der Umkehrung:
positiven Figuren des Autors, der Disziplin etc. als Beschneidung des Diskurses sehen; (p.35/36)
(p.37: analoges regulatives Prinzip: 5.1.1.Begriff des Ereignisses; dem entgegen: Ereignis der Schöpfung)
 
5.2.Prinzip der Diskontinuität:
„Es geht [dabei] nicht darum, ein Nicht-Gesagtes oder ein Nicht-Gedachtes endlich zu artikulieren ..." sondern: „Die Diskurse müssen als diskontinuierliche Praktiken behandelt werden, die sich überschneiden und berühren, die einander aber auch ignorieren oder ausschließen." (p.36)
(p.37: analoges regulatives Prinzip: 5.2.1.Begriff der Serie; dem entgegen: Die Serie der Einheit)

5.3. Prinzip der Spezifizität:
„Die Welt ist kein Komplize unserer Erkenntnis.", „Man muss den Diskurs als Gewalt begreifen, die wir den Dingen antun.", „In dieser Praxis finden die Ereignisse des Diskurses das Prinzip ihrer Regelhaftigkeit."
(p.37: Aanaloges regulatives Prinzip: 5.3.1.Begriff der Regelhaftigkeit; dem entgegen: Regelhaftigkeit der Ursprünglichkeit)
 
5.4. Prinzip der Äußerlichkeit:
Vom D aus, „von seiner Erscheinung und seiner Regelhaftigkeit aus, muss man auf seine äußeren Möglichkeitsbedienungen zugehen.", nicht umgekehrt;
(analoges regulatives Prinzip: 5.1.1.Begriff der Möglichkeitsbedingungen; dem entgegen: Die Möglichkeitsbedingung der Bedeutung;  p.37)

5.5. Bemerkungen zur Historie:
 
Weiter: „... ich glaube nicht, dass zwischen dem Ausfindigmachen des Ereignisses und der Analyse der langen Dauer ein Wiederspruch besteht. [...] Das Wichtige aber ist, dass die Geschichtsschreibung kein Ereignis betrachtet, ohne die Serie zu definieren, der es angehört,..." (p.38)
 Es sind die Begriffe des Ereignisses und der Serie, mitsamt dem Netz der daran anknüpfenden Begriffe: Regelhaftigkeit, Zufall, Diskontinuität, Transformation." (p.39)
„Sagen wir, das die Philosophie des Ereignisses in der auf den ersten Blick paradoxen Richtung eines Materialismus des Unkörperlichen bewegen müsste." (das Ereignis = immateriell, wirkt aber auf der Ebene des Materiellen);
Zur Diskontinuität: „außerhalb der Philosophien des Subjekts und der Zeit ist eine Theorie der diskontinuierlichen Systematizitäten auszuarbeiten. [...] Der Zufall muss als Kategorie in die Produktion des Ereignisses eingehen." (p.40)

6.Foucaults Plan, Analysen in zwei Richtungen

6.1  „Kritik", bringt das Prinzip der Umkehrung zur Geltung;
 Versucht, die Formen der Ausschließung, der Einschränkung und Aneignung zu erfassen;
6.2  „Genealogie", in der die drei anderen Prinzipien zur Geltung kommen; Aufzeigen der Bildung von Diskursserien unter den spezifischen Normen, Erscheinungs-, Wachstums-, und Veränderungsbedienungen; (p.41)
 
6.1.1.  Kritik der Ausschließungsfunktionen
6.1.1.1.Grenzziehung Wahnsinn und Vernunft in der Epoche der Klassik: hat F schon gemacht.
6.1.1.2.daran anschließend könnte er: Analyse der Sprachverbots über Sexualität von 16. bis ins 19. Jh.; (p.42)
 
6.1.1.3. Wille zur Wahrheit:
 ausgehend von: Sophisten contra Sokrates; dann: Übergang 16/17Jh. Wissenschaft des Blicks, neue Naturphilosophie v.a. England; schließlich: Anfang 19Jh.,  Gründungsakte der modernen Wissenschaft.
„Drei Einschnitte in der Morphologie unseres Willens zum Wissen - drei Etappen unseres Philistertums."
6.1.1.3.1. dieselbe Frage, anderer Blickwinkel:
 Wirkung des wissenschaftlichen Diskurses auf die Strafjustiz (v.a. Analyse der psychiatrischen Gutachten). (p.43)
 
6.1.1.4. Medizin 16. bis 19.Jh.
 Prinzip des großen Autors (Hippokrates und Galen, auch Paracelsus, Sydenheim und Borhaave); Praxis des Aphorismus und Kommentars, welche langsam durch Fallstudie verdrängt wird; (p.44)
 
6.1.1.5. Literaturkritik und -geschichte
Wären mögliche weitere Themen; z.B. Analyse „der Rolle, die ein Autor im Bereich des philosophischen Diskurses spielt, indem er etwa wie Kant am Ursprung einer neuen Art und Weise des Philosophierens steht. (p.44/45)

6.2.  „Genealogie"
 
„Zwischen dem kritischen und dem genealogischen Unternehmen liegt der Unterschied nicht so sehr im Gegenstand und im Untersuchungsbereich, sondern im Ansatzpunkt, in der Perspektive, in der Abgrenzung." (p.46)
 
„Der genealogische Teil der Analyse zielt hingegen auf die Serien der tatsächlichen Formierung des Diskurses; [...] ist der Stil der Kritik die gelehrte Ungeniertheit, so ist das Temperament der Genealogie ein glücklicher Positivismus."

„Und nun mögen jene, deren Sprache arm ist und die sich am Klang der Wörter berauschen, sagen, daß das Strukturalismus ist." (p.48)

7. Unterstützung und Beispiele für seine Untersuchungen:

7.1. Georges Dumezil - hat ihn gelehrt, „durch Vergleiche das System der funktionellen Korrelationen zwischen Diskursen zu etablieren."

7.2. Georges Canguilhem, Wissenschaftshistoriker, „dass man die Geschichte der Wissenschaft als die Geschichte eines zugleich kohärenten und transformierbaren Ganzen aus theoretischen Modellen und begrifflichen Instrumenten schreiben kann und muss." (p.49)

7.3. Jean Hippolyte, obwohl er im Zeichen von Hegel steht. „Aber um Hegel wirklich zu entrinnen, muss man ermessen was es kostet sich von ihm loszusagen;" p.51: „Er bediente sich des Hegelschen Systems nicht als eines beruhigenden Universums; er sah in ihm das äußerste Wagnis der Philosophie." p.53: fünf Verschiebungen führen an den Rand der Hegelschen Philosophie: „Marx mit den Fragen der Geschichte, Fichte mit dem absoluten Anfang der Philosophie, Kierkegaard mit dem Problem der Wiederholung und der Wahrheit, Husserl mit dem Thema der Philosophie als unendliche Aufgabe, die an die Geschichte unserer Rationalität gebunden ist." p.54: „Und nun verstehe ich besser [...] welche Stimme es war, von der ich gewünscht hätte, dass sie mir vorangeht, dass sie mich trägt, dass sie mich zum sprechen einlädt und sich in meinen eigenen Diskurs einfügt. [...] Ich habe das Wort an dem Ort ergriffen, wo ich ihn gehört habe, und wo er nicht mehr ist, um mich zu hören.".