03.11.04

Nietzsches Wort "Gott ist tot"

"Der tolle Mensch", Aphorismus Nr. 125 aus Nietzsches "fröhlichen Wissenschaft".
"[...] Wohin ist Gott?" rief [der tolle Mensch], "ich wil es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir sind alle seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? [...]
Hören wir noch nichts vom Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen![...]"

Heidegger bespricht in Holzwege Nietzsches Wort "Gott ist tot".
Seine Abhandlung endet mit dem Satz:

"Das Denken endet erst dann, wenn wir erfahren haben, daß die seit Jahrhunderten verherrlichte Vernunft die hartnäckigste Widersacherin des Denkens ist."

Posted by zitator at 22:35 | Comments (1) | TrackBack

24.03.04

Raskolnikow Nachtrag

Die Theorie von Raskolnikow:

Die Menschen unterteilen sich in
1. Die Normalen, die nur Bekanntes nachmachen

2. Die Nicht-Normalen, welche neue Gedanken in die Welt setzen.

ad 2.
Nach Raskolnikow stehen Zweitere über dem Gesetz, weil sie von gewöhnlichen Hindernissen nicht behindert werden dürfen. Raskolnikows Beispiel: Wenn Bonoparte nur durch ein Verbrechen Napoleon hätte werden können, würde er es verübt haben?

Um herauszufinden, ob er, Raskolnikow, zu zweiter Gruppe zählt, tötete er...

Zitators Gedanke dazu: Heute, 100 Jahre später, scheint es als ob man die Theorie umdrehen kann: Die Avantgarde (Menschen Nr.2) stellt sich nicht ausserhalb des Systems, sondern ist eine solche nur, wenn sie es schafft, die gegebenen Spielregeln zu beachten (siehe Foucault etc.)...

Posted by zitator at 21:47 | Comments (1) | TrackBack

16.03.04

Schrift - begrenzte Weiten

Die Schrift entwickelte sich nicht zwangslaeufig, sondern diente zu aller erst den Interessen eines Herrschaftsapparates (und erst in zweiter Linie der Wirtschaft). Viele Gesellschaften haben, bzw. hatten, Schutzmechanismen um eine Herrschaftsbildung zu vermeiden. Insoferne kann man nicht von 'zurueckgebliebenen Voelkern' sprechen, da sie es lediglich vermieden, komplexere Strukturen zu etablieren, die, historisch gesehen, letztlich immer Zwangsapparate waren.

Quellen: Richard Rorty, Philosophie der Zukunft. Claude Levi-Strauss, Triste Tropen; Gespraeche mit G. Chardonnier.

Der 'Abscheu' der Jugend vor grossen Teilen der Schriftkultur, und vor allem vor dem ueberlieferten Kanon, spiegelt nach Meinung des Zitators die 'instinktive' Erfassung des Umstands, dass Schrift nur Herrschaftsinstrument ist.

Posted by zitator at 21:34 | Comments (1) | TrackBack

14.03.04

History ain't no Mystery

Eine Zeitleiste der Weltgeschichte aus Fernsehdokus zusammenstellen ....... Ahhh ........ es sind so viel gute Dokumentationen in den letzten Jahren erschienen ....... zusammenfassen ...... die Lücken mit historischen Filmen füllen ...... Real-Time-Strategy - Games-Engines zur Quantifizierung verwenden, Egoshooter - Engines um weitere Geschichte zu erzählen .....

Posted by Philosoph at 19:23 | Comments (1) | TrackBack

11.03.04

Mädchen - Jungen

Im Schnitt werden auf 100 Mädchen 106 Jungen geboren. In China beträgt der Durchschnitt 100 : 111. D.h. bei 1 Mrd. Menschen fehlen 50 Mill. Mädchen. Tja, die Luxuswaren ...
In Indien des 19.Jhs betrug der Schnitt bis zu 100 : 400, da die Oberschichten jedes weibliche Kind töteten.
Quelle: Hrdy, Sarah Blaffer, s.o.
Kleine Stammesgesellschaften, in welchen dem Häuptling mehrere junge Frauen zugeteilt werden, bringt, aufgrund der begrenzten Zahl der Horde, schon dieses kleine Privileg das Frauen - Männer Verhältnis aus dem Gleichgewicht...
Quelle: Levi-Strauss, Claude

Posted by zitator at 12:29 | Comments (2) | TrackBack

02.03.04

Meme - Evolution

Schon im 18.Jh. hatte "Lamarck die Auffassung vertreten, Mütter würden Merkmale, die sie während ihres Lebens erworben hatten, an ihre Nachkommen weitergeben. [...]
Mit dem Siegeszug Darwinischen und vor allem genetischen Denkens wurden Lamarcks Ideen als kuriose Unmöglichkeit abgetan. Erst jetzt erkennen Biologen, dass es sehr wohl wichtige Bereiche gibt, in denen nichtgenetische, erworbene Merkmale - etwa der Immunschutz, geistige Schablonen für das Erkennen von Verwandten, soziale Netzwerke - von Generation zu Generation, als ´mütterliche Effekte´ weitergereicht werden."
(z.B. Flo, die von Jane Goodall beobachtete Affenmutter, die ihren Status an ihre Tochter Fifi weiterreichte... Bienen wachsen zu Arbeiterinnnen oder Königinnen heran, je nachdem, womit sie gefüttert werden -> Wechselnder Phänotyp bei identischem Genotyp)

Hrdy Sarah Blaffer, Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution, 1999
(Texanerin)

Posted by zitator at 12:31 | Comments (0) | TrackBack

29.02.04

Kriegerstrategie

"Die Strategie der Krieger besteht "aus sechs Elementen, die einen Zusammenhang bildeten. Fünf davon bezeichneten wir als die Attribute der Kriegerschaft: Kontrolle, Disziplin, Voraussicht, >Timing< und Wille. Sie gelten für die Welt des Kriegers, der darum kämpfe, seinen Eigendünkel abzulegen. Das sechste Element, das wichtigste vielleicht, gelte für die äussere Welt, und wir bezeichneten es als den >kleinen Tyrannen<.
[...]
Ein kleiner Tyrann [pinches tiranos] ist ein Quälgeist. Jemand, des entweder Macht über Leben und Tod des Kriegers hat, oder ihn so lang plagt, bis er seinen Weg verlässt.

Es gibt zwei Untergruppen von kleinen Tyrannen. Die erst Untergruppe bildeten jene kleinen Tyrannen, die einen plagten und elend machten, ohne einen wirklich zu Tode zu bringen. Dies seien die >schäbigen kleinen Tyrannen< - pinches tiranitos.
Die zweite Gruppe bildeten jene kleinen Tyrannen, die nur ärgerlich und unendlich lästig seinen. Dies seinen die >albernen kleinen Tyrannen< - repinches tiranos, oder die >klitzekleinen Tyrannen< - pinches tiranitos chiquitos"

Castaneda, Carlos, Das Feuer von Innen (The Fire from Within, New York 1984)

Posted by zitator at 12:33 | Comments (0) | TrackBack

15.02.04

Postscriptum

Lungenkrankheit - die Schriftstellerseuche: Marcel Proust, Kafka, Thomas Bernhard, Herbert Stumpfl, Gilles Deleuze ... Absentierung von der Gesellschaft, Verweigerung der elementarsten körperlichen Interaktionen - wie wenig und wie minder erscheint diese Humanisierung im Vergleich zum erfüllten Tanz der Shaolin und des Zen. Traue keinem ersessenen Gedanken, es geht nicht ohne prallen, vitalen Bewegungsrausch, sonst überzeugt es niemanden... und doch kommen alle zu ähnlichen Schlüssen. Kant: Kartografie der zugänglichen wie der unzugänglichen Bereiche ... die Ästhetik krempelt alles um ...
Der letzte Samurai: Hollywoodschinken, der die Wilden Indiander und Samurai parallelisiert - Trauer um die verlorene Anmut der freien Bewegung.
Wenn die Beobachtung nicht so wichtig wäre könnte man das Stillsitzen gar nicht rechtfertigen.
Liebet die Tänzerinnen ...

Posted by Philosoph at 13:58 | Comments (1) | TrackBack

22.01.04

mischte gedanken

Der Massebegriff als noch unabdingbare Zutat, ... "Masse und Macht" von Canetti, nur von Deleuze und Slotterdijk aufgegriffen ... die "Rosamarie´s Baby" spielende Frau im "Auftrag des Teufels", der u-bahnfahrende Belzebub ... und wenn wir die Generation der Beobachter wären, oder der Verkäufer? ... Augengeneration, Geschmack vor Moral ... die Sinnlichkeit des Wissens ...

masse.jpg
Quelle: contemporary real-time strategy game

Posted by Philosoph at 19:48 | Comments (1) | TrackBack

18.12.03

Dust/Lem

Dust:

www.brandeins.net/magazin/schwerpunkt/artikel21.html

...in Erinnerung an Stanislaw Lems Robotermärchen .

Posted by emce at 01:39 | Comments (1) | TrackBack

11.12.03

Klimatologie 4 Nachtrag

mit jedem treffenden, schlagenden, schneidenden Wort wächst der Abstand der Vormenschen gegenüber ihrer "Umwelt"

Durch die Trias von Werfen, Schagen und Schneiden (ergänzt durch manuelle Operationen wie Knüpfen, Schaben, Polieren, Stechen etc.) öffnet sich ein Fenster, in dem Produktionen geschehen und Produkte erscheinen können ... Der Vormensch als Werfer, Schlagoperateur und Zerleger ... Die Lichtung [quasi Menschwerdung] ist ein Werk der Steine, die zu anderen Steinen, zu entstehenden Händen und zu bearbeitbaren oder treffenden Dingen passend werden.

Der erfolgreiche Schlag ist die Vorform des Satzes. Der treffende Wurf ist die erste Synthesis [ ] aus Subjekt (Stein), Kopula (Aktion) und Objekt (Tier oder Feind). Der durchgehende Schnitt präfiguriert das analytische Ureil. Darum: Wer von Steinen nicht reden will, soll von Menschen schweigen...

Der Erfolg der harten Mittel - der Wurf-, Schlag-, und Schneidemittel - bildet sich im weichen Mittel, im Sagen und Zeichnen, ab. In dieser Sicht ist die Sprache nichts als ein Medium, Erfolge zu repräsentieren und zu präsentieren - mithin eine Form, die einerseits Erfolge weitergibt, andererseits selbst reiner Vollzug von Redeerfolg ist.* Mit jedem erzielten, gesagten und gespeicherten Erfolg, mit jedem treffenden, schlagenden, schneidenden Wort wächst der Abstand der Vormenschen gegenüber ihrer "Umwelt" und spinnt sie in die Sphäre der erfolgreich gesagten Worte ein. ... In diesem Sinn streben tatsächlich alle Menschen "von Natur aus" nach dem "Wissen" [Aristoteles, Anfang der Metaphysik], das Erfolg ist.

Solterdijk, p.185, s.u.

*siehe auch das Posting Sloterdijk, Sloterdijk über Sprache, Nietzsche und Hitler

Posted by Philosoph at 20:41 | Comments (0) | TrackBack

10.12.03

Klimatologie 3

"Die Triftigkeit und Zukunftsgemässheit der langfristig gewachsenen Furchthaltungen gilt es zu prüfen. ... Nach der Abschaffung der Sklaverei im 19.Jahrhundert zeichnet sich für das 21. oder das 22. eine weitgehende Auflösung der herrischen Relikte ab - niemand wird glauben, dass dies ohne intensive Konflikte geschehen kann; es ist nicht ausgeschlossen, dass sich das reaktionäre Herrische noch einmal zu einem neuartigen Modus von Faschismus verbünden wird. Die Ingredienzien hiervon sind vor allem in der US-amerikanischen Massenkultur päsent. Doch wie ihre Heraufkunft ist das Scheitern solcher Reaktionen vorhersehbar.

... Aber ... die über ein Weltalter gewachsenen Gewohnheiten und Zwänge zur vergewaltigenden Einteilung komplexer Verhältnisse lösen sich nicht über Nacht auf; die Kulturen, in denen der Verdacht und das Ressentiment an der Macht sind, gedeihen regional intensiv weiter. Egoistische Identitätskonstrukte tragen das Ihre dazu bei, die generösen Potentiale zu blockieren, die vom Denken der Mehrwertigkeit ... und... der Vielheiten ... entbunden werden können. Solange dies gilt, bleibt das Überholte anschlussfähiger, als ihm zukommt. Deshalb streben Rohsubjekte weiter nach der Verfügung über Rohstoffe. Die Reaktion bleibt eine Weltmacht (hallo Dim! ;). Muss man betonen, dass es an der schöpferischen Intelligenz liegt, die Reaktion zu widerlegen?"

Sloerdijk, p. 232, s.u.

Posted by Philosoph at 17:22 | Comments (0) | TrackBack

09.12.03

Klimatologie 2

"Dass dieser weitgehend unbemerkten, steigernden, verfeinernden Grundtendenz der Humanevolution (Dekadenz) in zahlreichen Kulturen historischer Zeit eine Maske aus sekundären Abhärtungen und männlichen Kriegertugenden bis zur willkürlichen Verrohungen überzogen wurde, hat den Einblick in die Werkstatt der Evolution erschwert. Zu sehr hat man sich von der Gewalt und ihren inneren und äusseren Niederschlägen beeindrucken lassen. Es ist Zeit einzusehen, dass im Hinblick auf den Menschen gilt: Nichts ist erfolgreicher als die Dekadenz.

Durch die Betonung des Wohnens ist im Sinne des Territoriums nichts gesagt: Im Gegenteil, nur weil Menschen seit jeher in (wandernden oder lokal improvisierten) Gruppen-"Häusern" leben, können sie schon in einer relativ frühen Phase ihrer Geschichte Windpalisaden und Hütten, in einer späten Phase auch ortsfeste Häuser bauen, ja sogar Bodenrechte halluzinieren. [...] Man muss die Fähigkeit zu wohnen vom Festhalten an gebauten Häusern und okkupiert-bebauten Territorien lösen, um den Primat des raumbildenden Zusammenseins von Menschen mit Menschen vor dem architektonischen Hausbau radikal genug zu begreifen."

Sloterdijk, s.u.

Posted by Philosoph at 10:50 | Comments (0) | TrackBack

08.12.03

Klimatologie

Vorgeschichte: Wie Herden- und Gruppenbildung bei Tieren (und Pflanzen) den Individuen im Inneren der Herde (v.a. Weibchen und Jungen) erste Schutzfunktionen vor Witterung (lebende Windpaslisaden) und Gefahren, durch den ´Schutzwall´ der am Rand befindlichen Individuen, ermöglicht, so stellten Hominiden der Altsteinzeit durch den Einsatz von Wurf-, Schlag- und Schneidetechniken, ´harten Mittel´ also, ein Binnenklima für ihre Mitglieder her, welches eine Abkopplung von äusseren Auslesefaktoren ermöglichte -> Der mobile Ort, die Lichtung (Heidegger).

Das Wohnen: "Unter Perspektiven der Evolutionstheorie ist die umweltdistanzierende Praxis der Vormenschen und erst recht der beginnende Menschen immer schon eine spontane Genmanipulation - Selbstbehausungstechnik mit der Nebenwirkung Menschwerdung. [...] Weil Menschen nur als Geschöpfe des Wohnens vorkommen, sind sie instabiler, flüssiger, ihrer Art untreuer als je ein Tier vor ihnen. Aber sie sind deswegen keineswegs ´wesenlos´. Sie sind wesenhaft verwöhnt und wesenhaft dazu disponiert, ihre Verwöhnung mit äusserstem Einsatz zu verteidigen. [...] Der Mensch ist folglich von Anfang an und überall ein Hybrid oder [...] ein Decadent - Produkt einer unbewussten Domestikation, Zustand einer Drift, in der die Artmerkmale auf dramatische Weise ins Fliessen geraten. Dass dieser weitgehend unbemerkten, steigernden, verfeinerten Grundtendenz der Humanevolution in zahlreichen Kulturen Histu"...grfkrszzzz
to be continued..

Sloterdijk, Peter, p. 197ff, Domestikation des Seins. in: Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger. Suhrkamp 2001

Posted by Philosoph at 11:23 | Comments (0) | TrackBack

24.11.03

Selbstreferenz

Selbstreflexion und -kritik kann man nicht genügend üben.
Deshalb in eigener Sache: Aus einer email von vor einiger Zeit...

"eine nette lektuere :)
´Stop polluting now.´ (englisch)

sehr unphilosophisch (anti-philosophisch?) der kundenorientierte
ansatz. nicht jede/r die/der etwas liest ist m/ein/e kundIn."

Das Motto: In der Kürze liegt die Würze.

Posted by Philosoph at 17:04 | Comments (1) | TrackBack

21.11.03

Kynismus

Auf ´allgemeinen´ Wunsch eine Demagoge in Sloterdijk - Zitaten:

"Diogenes [von Sinope/in der Tonne; zeitgleich mit Platon] ist der eigentliche Begründer der föhlichen Wissenschaft. [..] Wieviel Wahrheit an einer Sache ist, lässt sich nach ihm am besten dadurch ermitteln, dass man sie gründlich lächerlich macht und nachsieht, wieviel Spass sie verträgt.

Denn Wahrheit ist eine spottfeste Angelegenheit, die aus jeder Ironisierung um so frischer hervorgeht. (Ist nicht der kritische Rationalismus a la Popper ein seriös missverstandener Seitenhieb des satirischen Fallibilismus?). Satire als Verfahren? Sie bezieht in jedem Fall Stellung gegen das, was man andeutungsweise das ´Hohe Denken´ nennen könnte, gegen Idealismus, Dogmatik, Grosstheorie, Weltanschauung, Erhabenheit, Letztbegründung und Ordnungsschau. All diese Formen einer herrenmässigen, souveränen und unterwerfenden Theorie ziehe die kynische Stichelei magisch an. [..] Die kynische Antiphilosophie besitzt, ausser ihrer schlagfertigen und geistesgegenwärtigen Handhabung der offiziellen, in Sprache gebundenen Bildungsgüter (Theorien, Systeme) drei wesentliche Medien, in denen sich Intelligenz von ´Theorie´ und Diskurs lösen kann: das Handeln [- meist Auswandern], das Lachen, das Schweigen [-angesichts übertriebener Handlungswut]."

Sloterdijk, s.u.

Anmerkung: Wer glaubt, die heutige Spasskultur sei es schon, greift vielleicht zu kurz. Die medialen Satiren-Rhetoriker, die zum politische Weltbild der Jungen beitragen, dienen nur der Spannungsabfuhr, damit endet ihre Aktualität. Kynischer Spass dagegen wäre lediglich das Fluidum, in welchem die praktischen Beispiele generiert werden ...

Posted by zitator at 14:33 | Comments (0) | TrackBack

16.11.03

Juden und Faschisten

"Mit dem Massenmord wollten die Faschisten den Spiegel zerschlagen, den das jüdische Volk durch sein blosses Dasein vor die faschistische Arroganz hinstellte.

Sloterdijk, s.u.

[...]
Aus dem resignierten, von Anpassung überzogenen Resistance-Erbe des modernen Judentums strahlte ins Zentrum des Faschistenbewusstseins immer noch eine so intensive Negation der Machtarroganz, dass die zur eigenen Grandiosität entschlossenen deutschen Faschisten vernichtungslager bauten, um auszurotten, was ihrer Anmassung im Wege stand. [...] Wie sollte der deutsche Messias aus dem österreichischen Nachtasyl, des sich als wiedergekehrter Barbarossa vom Kyffhäuserberge feiern liess, an seine eigene Mission glauben, solange er sich selbst mit den Augen des ´bösen Juden´, der ´alles zersetzt´, über die Schulter schaute? Kein Wille zur Macht erträgt die Ironie des Willens, auch diese Macht zu überleben."

Sloterdijk reserviert einen eigenen Begriff für den Faschismus = Zynismus des Zynismus.

Wobei Zynismus der negative Gegenbegriff zu Kynismus ist.

Es lebe Diogenes von Sinope!

Posted by zitator at 13:42 | Comments (0) | TrackBack

15.11.03

Apologie Heideggers

neurom.JPG
o.W.

"Denn es gilt zu sehen: Heidegger wäre, seiner zentralen Denkleistung nach, auch dann kein Mann der Rechten, wenn er politisch noch verworrenere Sachen gesagt hätte, als es der Fall ist. Denn er sprengte mit seinem, wie ich es nenne, Kynismus der Zwecke als erster die utopisch-moralistischen Grosstheorien des 19. Jahrhunderts. Er bleibt mit dieser Leistung einer der Ersten in der Generation einer Neuen und Anderen Linken.

Sloterdijk, Peter, Kritik der zynischen Vernunft, 1983

Einer Linken, die sich nicht mehr an die hybriden geschichtsphilosophischen Konstruktionen des 19. Jahrhunders klammert; die sich nicht im Stil der dogmatisch-marxistischen Grosstheorie (ich ziehe diesen Ausdruck dem Wort Weltanschauung vor) für die Komplizin des Weltgeistes hält; die nicht auf die Dogmatik der industriellen Entwicklung ohne Wenn und Aber eingeschworen ist; die die borniert materialistische Tradition, die sie belastet, revidiert; die in keiner Weise mehr an dem naiven Glauben hängt, Vergesellschaftung wäre das Allheilmittel gegen die Misstände der Modernität. Ohne es wissen zu wollen (hierzulande sogar mit wütender Entschlossenheit, es nicht wahrzuhaben), ist die Neue Linke eine existentialistische Linke, eine neo-kynische Linke - ich riskiere den Ausdruck: eine Heideggersche Linke. Das ist, besonders im Land der kritischen Theorie, die ien schier undurchlässiges Tabu über den ´faschistischen´ Ontologen verhängt hat, ein ziemlich pikanter Befund. [...]
Gibt es nicht eine Fülle geheimer Ähnlichkeiten und Analogie zwischen Adorno und Heidegger? Wer könnte sagen, welcher von beiden die ´traurigere Wissenschaft´ formuliert hat?"

Posted by zitator at 12:37 | Comments (2) | TrackBack

13.11.03

Optionalismus 2

Der optionale Operativ:

Handle jederzeit so, dass deine Optionen vermehrt werden
(frei nach Heinz von Förster).

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12.11.03

Optionalismus

Lehrsatz 1:
Der Optionalismus ist optional.

Definition 1:
Eine Theorie ist allgemein genau dann wenn sie auch auf sich selbst anwendbar ist (zirkulär).

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10.11.03

Geologie der Moral

Professor Challenger, der die Erde mit seiner Schmerzmaschine zum Schreien brachte, hielt einen Vortrag, nachdem er, einem äffischen Einfall nachgebend, verschiedene geologische und biologische Fachbücher miteinander vermengt hatte. Er erklärte, dass die Erde - die Deterritorialisierte, die Eiszeitliche, das Riesenmolekül - ein organloser Körper ist. Dieser organlose Körper wird von unbeständigen und ungeformten Materien durchquert, von Strömungen in allen Richtungen. Aber das war im Moment nicht das Problem. Denn auf der Erde entstand gleichzeitig ein wichtiges und unvermeidliches Phänomen, das unter manchen Aspekten sehr nützlich, unter vielen anderen aber bedauerlich war: Die Stratifizierung.
Challenger zitierte einen Satz, von dem er behauptete, er habe ihn in einem geologischen Fachbuch gefunden, und den man auswendig lernen müsse, weil man ihn erst später verstehen könne: "Eine Stratifizierungsfläche ist eine kompaktere Konsistenzebene zwischen zwei Schichten."

Die eher missmutigen Zuhörer beklagten sich über zahlreiche Missverständnisse, Fehlinterpretationen, Widersinnigkeiten und sogar Unterschlagungen im Vortrag des Professors, trotz der Autoritäten, auf die er sich berief und die er seine "Freunde" nannte. Der Professor war im übrigen weder Geologe noch Biologe, und man hatte schon lange vergessen, was sein Fachgebiet war. Er behauptete, er hätte eine Disziplin erfunden, für die er verschiedene Namen hatte: Rhizomatik, Stratoanalyse, Schizoanalyse, Nomadologie, Mikropolitik, Pragmatik, Wissenschaft von den Mannigfaltigkeiten, aber weder Ziele noch Methode noch die Begründung für diese Wissenschaft waren erkennbar.

Um die letzten Zuhörer am Gehen zu hindern, dachte Challenger sich einen besonders epistemologischen Dialog der Toten aus, in der Art eines Marionettentheaters. Geoffroy beschwor die Missgeburten herauf, Cuvier sortierte ordentlich alle Fossilien, von Baer schwenkte Glasbehälter mit Empryos, Vialleton schnallte sich einen Terapoden-Gürtel um, Perrier führte den dramatischen Kampf zwischen Mund und Gehirn vor, etc.
Geoffroy: Der Beweis für den Isomorphismus liegt darin, dass man durch "Faltung" immer von einer Form zur nächsten gelangen kann. Vom Wirbeltier zum Kopffüssler: man muss nur die beiden Rückgratenden des Wirbeltieres zusammenbringen, man muss nur seinen Kopf zu den Füssen hinunterbeugen und sein Becken hinauf zum Nacken...
Cuvier (wütend): Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr! Man kann nicht vom Elefanten zur Qualle gelangen, ich habe es versucht.
Der sanfte und subtile Geoffroy und der ernst und heftige Cuvier haben an der Seite von Napoleon gekämpft. Cuvier ist ein Mann der Macht und des Terrains, und das lässt er Geoffroy spüren, der seinerseits schon den nomadischen Menschen der Geschwindigkeit vorwegnimmt.
Challenger gab zu, dass er eine lange Abschweifung gemacht habe, fügte aber hinzu, dass es nicht möglich sei, das Abschweifen vom Nicht-Abschweifen zu unterscheiden. Es ging darum, in der Frage der Einheit und Verschiedenheit in ien und derselben Schicht, nämlich der organischen Schicht, zu verschiedenen Schlussfolgerungen zu kommen.
Auf die eine oder andere Weise neigt das Tier eher zur Flucht als zum Angriff, aber auch seine Fluchten sind Eroberungen, Schöpfungen.

Die meisten Zuschauer waren gegangen (als erste die Martinetisten mit der doppelten Gliederung, dann die Hjelmslevianer mit Inhalt und Ausdruck, dann die Biologen mit ihren Proteinen und Nukleinsäuren). Geblieben waren nur noch die Mathematiker, die an ganz andere Verrücktheiten gewöhnt waren, und ausserdem ein paar Astrologen, Archäologen und vereinzelte Zuhörer. Challenger hatte sich seit dem Beginn seines Vortrags auch verändert. Seine Stimme war rauher geworden und wurde manchmal von einem äffischen Husten gebrochen. Es war nicht so sehr sein Traum, menschlichen Wesen eine Vorlesung zu halten als vielmehr ein programm für reine Computer vorzustellen.
Da Schichten Gottesurteile sind, sollte man nicht zögern, sämtliche Spitzfindigkeiten der mittelalterlichen Scholastik und Theologie zu Hilfe zu nehmen.

Die Substanz ist in erster Linie eine vokale Substanz, die verschiedene organische Elemente ins Spiel bringt, nicht nur den Kehlkopf, sondern auch den Mund, die Lippen, die ganze Motorik des Gesichtes und das Gesicht als ganzes. In diesem Zusammenhang muss eine regelrechte Intensitätskarte berücksichtigt werden: der Mund als Deterritorialsierung der Schnauze; die Lippen als Deterritorialiserung des Mundes (nur Menschen haben Lippen, das heisst eine Ausstülpung der inneren Schleimhaut, nur weibliche Menschen haben Brüste, das heisst deterritorialisierte Brustdrüsen: die lange Stillzeit, die günstig für das Erlernen von Sprache ist, ist mit einer vollständigen Reterritorialisierung der Lippen auf der Brust und der Brust auf den Lippen verbunden). Was für eine merkwürdige Deterritorialisierung, bei der man seinen Mund mit Wörtern füllt und nicht mit Nahrung oder Geräuschen.
Die wissenschaftliche Welt erscheint tatsächlich als die Übersetzung aller Strömungen, Partikel, Codes und Territorialitäten der anderen Schichten in ein ausreichend deterritorialisiertes Zeichensystem, des heisst, in eine für die Sprache spezifische Übercodierung.

Wir müssen uns beeilen, sagte Challenger, bei dieser dritten Schicht kommen wir unter Zeitdruck. Hier beginnt die abstrakte Maschine sich zu entfalten, sich aufzurichten und eine Illusion zu erzeugen, die über alle Schichten hinausgeht, obwohl sie selber noch zu einer bestimmten Schicht gehört. Das ist offenbar die für den Menschen konstitutive Illusion (Für wen hält sich der Mensch?). Diese Illusion leitet sich aus der Übercodierung ab, die der Sprache immanent ist.
Aber welche Beziehung entsteht nun eigentlich zwischen Inhalt und Ausdruck, wie unterscheiden sie sich? All das existiert nur im Kopf. Und trotzdem hat es nie eine realere Unterscheidung gegeben. Sie ist nicht einfach real wie zwischen Molekülen, Dingen oder Subjekten, sie ist essentiell geworden (wie man im Mittelalter sagte), wie zwischen Attributen, Seinsweisenoder irreduziblen Kategorien: Dinge und Wörter.

Challenger wollte nun immer schneller vorankommen. Es war niemand mehr da, aber er machte trotzdem weiter. Die Veränderung seiner Stimme und seines Aussehens wurden immer deutlicher, es war etwas Animalisches in ihm, seit er angefangen hatte, über den Menschen zu sprechen. Es war noch nicht eindeutig, aber Challenger schien sich an Ort und Stelle zu deterritorialisieren. Die Liebhaber des Signifikanten beharren auf einer vereinfachten Situation als implizites Modell: Wort und Ding. Dagegen Foucault: Delinquenz ist keineswegs, auch nicht juristisch, eine Signifikant, dessen Signifikat das Gefängnis wäre. Die Ausdrucksform lässt sich übrigens nicht auf Wörter reduzieren; sie ist ein Komplex von Aussagen, die in einem als Schicht betrachteten sozialen Feld entstehen (genau das ist ein Zeichenregime). Die Inhaltsform lässt sich nicht auf ein Ding reduzieren, sondern nur auf einen Zustand von Dingen, der so komplex wie ein Machtgebilde ist (Architektur, Lebensplan etc.).
Kurz gesagt, man sollte Wörter niemals den Dingen gegenüberstellen, denen sie angeblich entsprechen sollen, und auch nicht Signifikanten und Signifikate, die angeblich übereinstimmend sind, sondern unterschiedliche Formalisierungen im Zustand eines instabilen Gleichgewichts oder wechselseitiger Voraussetzung. "Vergeblich spricht man das aus, was man sieht: das, was man sieht, liegt nie in dem, was man sagt."
Ausdruck und Inhalt können jedenfalls nicht auf Signifikat und Signifikant reduziert werden. Und (das ist das zweite Problem) sie sind auch nicht auf Basis und Überbau zu reduzieren. Sonst verkennt man das Wesen der Sprache, die nur in heterogenen Zeichenregimen existiert und die, anstatt eine Information in Umlauf zu bringen, eher widersprüchliche Befehle ausgibt.
Schliesslich gibt es noch ein drittes Problem. Es ist schwierig, das System der Schichten darzustellen, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, man wolle zwischen ihnen eine Art von kosmischer odere gar spiritueller Evolution konstruieren, so als seien sie nach Stadien geordnet und gingen durch Stufen der Vervollkommnung hindurch. Dem ist aber nicht so. Die verschiedenen Gestalten von Inhalt und Ausdruck sind keine Stadien. Es gibt keine Biosphäre oder Noosphäre, sondern überall immer nur eine und dieselbe Mechanosphäre. Die scheinbare Ordnunge kann auch umgekehrt werden, und technologische oder kulturelle Phänomene können ein guter Nährboden, eine gute Suppe für für die Entwicklung von Insekten, Bakterien, Mikroben oder sogar Teilchen sein. Das industrielle Zeitalter als Zeitalter der Insekten gesehen...
Die Konsistenzebene ist die Abschaffung aller Metaphern; alles was besteht ist real.

Wir müssen zusammenfassen, bevor wir unsere Stimme verlieren. Challenger kam zum Ende. Seine Stimme war unerträglich schrill geworden. Er konnte kaum noch atmen. Seine Hände waren zu langen Zangen geworden, die nichts mehr festhalten konnten, aber noch unsicher auf etwas zeigten. Es waren zuhörer zurückgekommen, aber sie waren nur Schatten oder Vagabunden. "Haben sie gehört? Das ist eine Tierstimme." Wir müssen zusammenfassen, fixieren, die Terminologie festlegen so gut es geht, nur so.
Es war vorbei. Das Ganze würde erst später eine konkrete Bedeutung bekommen. Entgliedert, deterritorialisiert murmelte Challenger, er werde die Erde mitnehmen, er werde in eine geheimnisvolle Welt aufbrechen, seinen Garten der Gifte. Er flüsterte noch: Wilde Flucht lässt die Dinge voranschreiten und die Zeichen wuchern. Niemand hatte die Zusammenfassung gehört, und niemand versuchte, Challenger aufzuhalten. Challenger, oder was von ihm übriggeblieben war, eilte langsam der Konsistenzebene entgegen und folgte dabei einer bizzaren Bahn, die schon an nichts mehr gebunden war.

Guattari & Deleuze, 10 000 v. Chr. Geologie der Moral (Für wen hält sich die Erde?). in: Kapitalismus und schizophrenie II. Tausend Plateaus, 1980

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30.10.03

Zen Comic

zen01.jpg
Auszug aus:
Origins of Zen. Flowering of Zen in China
Asiapac Verlag

tile = (Dach-)Ziegel

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25.10.03

confused

"We have not succeeded in solving our problems. The answers we found
served only to rise a hole set of new questions. We feel we are as
confused as ever. But we are confused on a higher level and about more
important things."
University of Tromsö, mathematic-department

Posted by zitator at 18:11 | Comments (1) | TrackBack

23.10.03

Viennale Brocken

Hat es der Philosophenklüngel nicht einmal geschafft eine verbindliche Sprache zu schaffen, so ist doch die Philosophie heute Ausdruck von Lebensweisen, die anderswo nicht angeboten werden ... neu anfangen! sagt Emilie Deleuze, Vermögen steigern ... Philosophie ist Sprachkunst ... mag sie auch Sprachanalyse sein ... tü tü tü ... Lebensflucht oder Ausweg ... Sprachlogik allein ist wenig ... die Sprache reicht nicht an die Wirklichkeit ran ... siehe die Filme von Godard, Allemagne neuf zero, Alphaville ... das ist eine der wenigen aktuellen Erkenntnisse ... sehr melancholisch ... und überall ist der Viennale - Chef ... in der Urania ... im Filmmuseum ...

es lebe Lemmy Caution!

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14.10.03

Die Erleuchtung (Lyotard)

Lyotard kolportiert: "die wirkliche Erleuchtung (das Eigentliche bei Heidegger? (Anm: "Der Taoist aus Todtnauberg", "Der Bauer aus dem Schwarzwald")) besteht nicht darin, zu glauben, dass es einen Weg gibt, der zur Emanzipation führt. Die Erleuchtung besteht in dem unerträglichen Gefühl (die Angst bei Heidegger?), dass es keinen Weg gibt, dem man folgen kann. [...]
Wichtig ist nicht, dass die Holzwege nirgendwo hinführen. "Nirgendwo" bleibt bei Heidegger im Wald des Seienden trotzdem die Lichtung des Seins."

Lyotard, s.u.

Nach dem Wissenstand des Philosophen greifen diese Erklärungen zu kurz: tatsächlich kündigt sich die Erleuchtung über mehrere "Stufen" hinweg als eine unbekannte Erfahrung an, die mit einen normalen Gefühl oder Glauben weniger zu tun hat als mit einer neuen Weise des Denkens und Fühlens, welche bis zum "Donnerschlag, mit dem die Welt verschwindet" reichen kann, bei der der Adept im Vertrauen darauf, dass alles vorübergeht, gelassen im stabilen Lotussitz durch die Leere purzelnd wartet, bis alles wieder vorbei ist. Dennoch ist die Erleuchtung trotz aller bekannten Phänomene die sie begleiten eine individuelle Erfahrung, die Wachträume, ein Brennen im Bauch (Hara - vgl. Harakiri), etc. implizieren kann, jedoch nicht muss.
Letztlich sind allein Einsicht und ein makelloses Leben Indizien eines erleuchteten Lebens.
Heidegger, besessen von den begrenzten Errungenschaften seiner Philosophie und unfähig, sich in andere einzufühlen, kann in dieser Hinsicht nur als machtbesessener "Zauberer der dunklen Seite" vorgestellt werden, der wie es seinem Stand eignet, durchaus gewisse Kunststückchen des Lebens meisterte.

Posted by Philosoph at 15:23 | Comments (0) | TrackBack

10.10.03

1929: Das Unbehagen in der Kultur

Die Essayistik dieser Jahre war geprägt vom unbehaglichen Gefühl einer untergehenden, verkehrten oder entfremdeten Welt. Die Diagnosen waren düster und die Therapieangebote zahlreich. Konjunktur hatten die Versuche, das unheile Ganze aus einem Punkt zu kurieren. [Die Lösungen der Krisenphilosophie] trugen verschiedene Namen: "Proleteriat", das "Unbewusste", die "Seele", das "Heilige", das "Volkstum" usw. [Zwei Jahre vor SEIN UND ZEIT] grassierten fanatischer Antisemitismus und Rassendenken, begann die "Bolschewisierung" der KPD, schrieb Hitler in Landsberg "Mein Kampf", suchten Millionen ihr Heil in sektiererischen Bewegungen - Okkultismus, Vegetarismus, Nacktkultur, Theo- und Anthroposophie, es gab viele Erlösungsversprechen und Orientierungsangebote. Das Trauma der Geldentwertung hatte die Geschäfte der Inflationsheiligen blühen lassen.

[...]

Für den Monomanen der "verkappten Religion" schrumpfte die Welt. "Er findet in allem und jedem Ding nur noch die Bestätigung seiner Meinung" die er mit der Inbrunst des Glaubens verteidigt gegen die Welt und den eigenen Zweifel.
SEIN UND ZEIT gehörte in diese krisenhafte Stimmungslage, aber unterschied sich vom einschlägigen Genre dadurch, dass hier keine Therapie angeboten wurde. Freud hatte 1929 seine Diagnose über das "Unbehagen in der Kultur" mit den Worten eingeleitet: "So sinkt mir der Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich ihrem Vorwurf, dass ich ihnen keinen Trost zu bringen weiss, denn das verlangen sie im Grunde alle." Diese Worte passen auch auf das Heideggersche Unternehmen.

Safranski, Rüdiger, Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit

Posted by zitator at 12:18 | Comments (0) | TrackBack

29.09.03

Das Denken II

"Sobald man einen Schritt aus dem Gebiet des schon Gedachten hinaus macht, sobald man sich ausserhalb des Wiedererkennbaren und Sicheren bewegt, sobald man neue Begriffe für unbekannte Länder erfinden muss, fallen Methode und Moral, und Denken wird, nach einer Formulierung Foucaults, ein "gefährlicher Akt", wird zur Gewalt, die man zunächst gegen sich selbst ausübt.

Die Einwände, die dann erhoben werden, kommen immer vom sicheren Festland her, es sind gewissermassen Bojen, die einem zugeworfen werden, aber um einen zu verwirren und daran zu hindern weiter vorzudringen [...]"

Deleuze, Gilles, s.u.

Aber was passiert, wenn man das Wagnis als Entschuldigung nimmt, um kauzig zu werden?
(Und nimmt das Posting Bezug auf das letzte Feedback, welches uneindeutig interpretierbar ist...?)

Posted by Philosoph at 11:26 | Comments (0) | TrackBack

26.09.03

Das Denken

"Die Logik eines Denkens ist die Gesamtheit der Krisen, die es durchläuft, es gleicht mehr einer Vulkankette als einem System, das in sich ruht und nahe am Gleichgewicht ist."

Deleuze, Gilles Unterhandlungen

Man wird dem Recht geben und sich trotzdem fragen können, ob das so heftig sein muss wie bei Foucault, der bekanntlich sogar als Faschist verleumdet werden konnte und an Krebs/Aids mit circa 60 Jahren verstarb.
Es finden sich ja in der Geschichte des Denkens tatsächlich viele Persönlichkeiten, deren lebenstägliche Genalogie erstaunlich viele kauzige und andere Anekdoten liefert.

Posted by Philosoph at 17:53 | Comments (1) | TrackBack

21.09.03

Foolosophy

solaris.jpg

Sun Foolosophy (Illumination)

Posted by emce at 18:57 | Comments (0) | TrackBack

17.09.03

Flucht

Alles flieht...

frei nach Gilles Deleuze

Weil
1. Alles in Bewegung ist.
2. Stillstand, ein Ist - Zustand schnell unbefriedigend wird.
3. Flucht in neue Gegenden führt.

Und das, wo Flucht so ein negativer Begriff ist. Es leben die Minoritäten!
Das Leben ist konstitutiv paradox.

Posted by Philosoph at 22:55 | Comments (0) | TrackBack

11.09.03

macht staat

Es war einmal ein beliebiger Souverän, ein Herrscher, der seinen Untertanen den Tod zu geben vermochte oder sie leben lassen konnte. Seine Macht war repressiv. Das ist lange her.
Der moderne Staat macht leben. Durch Bevölkerungskontrollen, Gesundheitsvorsorgen, Kindergelder etc. mehrt er seine Bestandteile, die Menschen, und gibt ihnen das Leben. Aber Kraft dieser lebensspendenden Funktion nimmt sich die Staatsmacht auch das Recht zu noch nie da gewesenen Massakern heraus.

sinngemäss Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I

Posted by Philosoph at 21:38 | Comments (1) | TrackBack

08.09.03

Vom Nutzen der Philosophie

"Es gibt Kriterien, und es ist wichtig, dass sie nicht im Nachhinein geliefert werden."

Weil viele Elemente sich sowieso verspäten, noch nicht angekommen sind oder niemals ankommen werden.

Nach Gilles Deleuze

Posted by zitator at 14:38 | Comments (0) | TrackBack

06.09.03

Ein Koan

Was ist der Sinn des Kommens des Bodhidarma aus dem Westen?

Posted by Philosoph at 21:21 | Comments (1) | TrackBack

05.09.03

Buddha und Jesus

"Buddha verspricht nichts und hält alles;
Jesus verspricht alles und hält nichts!
"

frei nach Nietzsche

Buddha promises nothing and holds everything
Jesus promises everything and holds nothing


Buddha verspricht das Nirvana; das Nirvana ist das, was von der Flamme übrigbleibt, wenn sie erloschen ist, also nichts; dieses Versprechen hält er auch.

Jesus verspricht hingegen das Paradies, also alles was man sich nur wünschen kann. Was das ist, davon hat jeder Europäer eine Vorstellung, oder nicht?

Kann mir jemand sagen, was ist das Paradies?

Posted by Nobody at 14:42 | Comments (2) | TrackBack

02.09.03

Sloterdijk über die Geschichte der USA

jefferson.jpg
(von li. nach re.: John Hancock, Thomas Jefferson, George Washington)

Die Behauptung:

".. wir wissen, dass die USA bis heute das fruchtbarste Selbstlobkollektiv unter den politischen Einheiten der aktuellen "Völkerfamilie" darstellen, man könnte auch sagen die Gesellschaft, zu deren Gründungsbedingungen es gehörte, den Abbau von kulturellen Hemmungen gegen die Verwendung von erhöhenden Superlativen im demokratischen Selbstbezug so weit wie möglich voranzutreiben.
Was sind die USA, wenn nicht das Produkt einer Erklärung der Unabhängigkeit - von der Bescheidenheit (wohl nicht nur vor der britschen Krone)?"



Das Beispiel:

"Thomas Jefferson [der Mann in der Mitte, "Redakteur der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung"] hatte bereits während seiner ersten Präsidentenamtszeit in Washington in einigen von Geschäften freien Nächten sich damit befasst, aus einer Reihe von Ausgaben des neuen Testaments in griechischer, lateinischer, französischer und englischer Sprache Ausschnitte mit der Schere zu machen, die er in einem leeren Buch zu einer Neufassung des Evangeliums zusammenklebte. [Jefferson-Bible]

[...]

Wer nach der Amerikanischen und Französischen Revolution das evangelische Sprachspiel weiter als Gewinnspiel betreiben will, muss vor allem weglassen können. Das ist der Sinn des Neo-Humanismus: am alten Evangelium tilgen zu dürfen, was mit der eigenen Glorifikation als Humanist und Bürger unverträglich geworden ist.

[...]

Mit energischer Naivität trennt der aufgeklärte Redakteur die unanehmbaren Jesusworte von dem, was Jesus gesagt haben würde, hätte er von jefferson beifällig zitiert werden wollen."

Sloterdijk, Peter, s.u.; Bild: Lucasarts, Day of the Tentacle (Maniac Manshion II)

Posted by zitator at 19:53 | Comments (0) | TrackBack

30.08.03

Das Sein


Das ``Sein'' ist der allgemeinste und leerste Begriff und als
solcher undefinierbar.

Das ``Sein'' ist der allgemeinste Begriff.

Illud quod primo cadit sub apprehensione, est ens, cuius intellectus
includitur in omnibus, quaequmque quis apprehendit.

"Ein Verständnis des Seins ist je schon mit inbegriffen in allem, was
einer am Seienden erfasst.'' (Thomas von Aquin, 1225-1274)

Trotzdem ist dieser Begriff vielmehr der dunkelste.

Der Begriff ``Sein'' ist undefinierbar.
Das ``Sein'' ist der selbstverständliche Begriff und wird immer
gebraucht.

Dies fordert gerade dazu auf, die Frage nach seinem Sinn zu
wiederholen.

nach: olle Martin H., Sein und Zeit

Posted by Philosoph at 20:15 | Comments (0) | TrackBack

28.08.03

Sloterdijk über Sprache, Nietzsche und Hitler

Sprachen sind gruppennarzistische Instrumente, die gespielt werden, um die Spieler zu stimmen und nachzustimmen; sie lassen ihre Sprecher in eigentümlichen Tonlagen der Selbsterregung klingen.

[...]

Wer spircht macht Schulden; wer weiterspricht, redet, um zu tilgen. Das Ohr wird dazu erzogen, keinen Kredit zu geben und seinen Geiz als kritisches Bewusstsein zu deuten.

[...]

Kitsch ist die Weltsprache der triumphierenden Massenkultur; er beruht auf der mechanisierten Nachahmung des Erfolg.

[...]

Hitlers Erfolgsstrategie als Pop- und Kitschpolitiker bestand darin, einen Pop-Nationalismus mit einem Event-Militarismus so zu verbinden, dass er die Massenarzissmen auf dem einfachsten Weg zum Aufbrausen brachte.

Dabei spielten radiophone Erfassungstechniken und para-militärische Liturgien unter offenem Himmel die Schlüsselrolle.

[...]

Die Marke Nietzsche konnte in den semantischen Werbefeldzügen der NS-Bewegung insoweit eine Rolle spielen, als man in ihren Imitationen die unversöhnlich individualistischen und avantgardistischen Grundwertungen wegliess und nur die Aufsteiger-Attitüden mitsamt dem martialischen Spruch-Dekor behielt.
Hitlers Anhang hat Nietzsche mit der Schere bearbeitet und in ein kollektivistisches Evangelium geklebt - nachdem zuvor bereits die Schere der Schwester ein Ready-Made der Marke Nietzsche verfertigt hatte.

Man muss zur Schande der deutschen Universitätsphilosophie nach 1933 bemerken, dass sie es auf ihrem Niveau genauso gemacht hat, ebenso wie die Antinietzscheaner, die bis heute über die Zusammenstellung von selbstgeklebten Belastungs-Dossiers nicht hinauskommen - aber wie weit muss man zurückgehen, um Universitätsphilosophen zu finden, die nicht mit der Schere philosophieren?

Peter Sloterdijk, Über die Verbesserung der guten Nachricht. Nietzsches fünftes "Evangelium"

siehe auch Schicksal und Strahlungen

Posted by zitator at 18:47 | Comments (0) | TrackBack

25.08.03

Eine große sexuelle Predigt

"Eine große sexuelle Predigt - die ihre scharfsinnigen Theologen und ihre populären Kanzlerredner hat - durchzieht seit einigen Jahrzehnten unsere Gesellschaften, geißelt die alte Ordnung, denunziert die Heucheleien und besingt das Recht des Unmittelbaren und des Wirklichen; sie lässt uns von einem neuen Jerusalem träumen. Denken wir an die Franziskaner.

Und fragen wir uns, wie es kommen konnte, dass die lyrische Begeisterung und die Religiosität, die lange Zeit das revolutionäre Projekt begleiteten, sich in den industriellen, abendländischen Gesellschaften weitgehend auf den Sex übertragen haben.

[...]

Die Frage, die ich stellen möchte, lautet nicht: weshalb werden wir unterdrückt? sondern: weshalb sagen wir mit solcher Leidenschaft, mit solchem Groll gegen unsere jüngste Vergangenheit, gegen unsere Gegenwart und gegen uns selbst, dass wir unterdrückt werden? Durch welchen Spiralgang sind wir dahin gelangt, zu bejahen, dass der Sex verneint wird, ostentativ zu zeigen, dass wir ihn verbergen, zu sagen, dass wir ihn verschweigen - und das gerade dadurch, dass wir explizit darüber reden, dass wir ihn in der Positivität seiner Macht und seiner Wirkungen affirmieren? "

Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit I

Posted by zitator at 15:18 | Comments (1) | TrackBack

23.08.03

Sheffer Funktion: DAS NICHT-UND (NAND)


Satz:
Der NAND Operator ist eine funktional vollständige Menge, weil mit seiner Hilfe alle anderen Operatoren (~,/\,\/,->; sprich: nicht, und,oder,Pfeil oder wenn-dann oder Konditional) abgeleitet werden können.

Annahme 1:
A NAND A = ~A (nicht A)

Beweis 1:
A NAND A = ~A
W F W   F
F W F W


Annahme 2:
(A NAND B) NAND (A NAND B) = A /\ B (A und B)

Beweis 2:
(A NAND B) NAND (A NAND B) = A /\ B
W F W W W F W   W W W
W W F F W W F W F F
F W W F F W W F F W
F W F F F W F F F F

Nach Christian Gottschalls Logikskriptum.

Posted by Philosoph at 23:58 | Comments (0) | TrackBack

18.08.03

Ethik

Propositio II
Nes Corpus Mentem ad cogitandum, nec Mens Corpus ad motum, neque ad quietem, nec ad aliquid (si aliuiq est) aliud determinare potest.

Demonstratio
Omnes cogitandi modi Deum, quantenus res est cogitans ...

Lehrsatz 2
Der Körper kann weder den Geist zum Denken noch der Geist den Körper zur Bewegung oder zur Ruhe oder zu etwas anderem (wenn es sonst noch etwas gibt) bestimmen.

Beweis
Alle Modi des Denkens haben Gott zur Ursache, insofern er ein denkendes Ding ist, nicht aber, insofern er durch ein ... (Lehrsatz 6 des 2. Teils) ...; d.h. (nach Definition 1 des 2.Teils), es ist ...

Benedictus de Spinoza,
Ethica
Ordine Geometrico demonstrata

Ethik
nach der geometrischen Methode dargestellt

Dieses Werk wurde intensivst von Einstein studiert, um die Allgemeine RelativitätsTheorie zu entwickeln. (nach mündlicher Übertragung des Philosophen mit dem Vorschlaghammer)

Posted by zitator at 19:39 | Comments (0) | TrackBack

12.08.03

Evolution

Durchschnittlichkeit gefällt im Durchschnitt am Besten. Aber das Besondere gefällt uns besonders.
Das Gesetz der Natur ist nicht der Überlebenskampf sondern der Überfluss, die Vielfalt und Verschiedenheit.
Damit sei die Auseinandersetzung mit S.Lupasco, J.Monod, M.Harris und D.Morris eröffnet.

Posted by Philosoph at 23:58 | Comments (0) | TrackBack

09.08.03

Zu viele Gesetze

Nietzsche behauptete, dass ein alter Chinese ihm erzählte, er habe gehört, ein Reich, welches zu viele Gesetze habe, werde untergehen müssen.

Wie viel Gesetze hat Deutschland? Europa? Was für eine sinnlose Gesetzesflut wütet in unseren modernen Gesellschaften, ohne es dass jemals weniger werden????
Posted by querulant at 15:05 | Comments (0) | TrackBack

Menschenpark

Werdet reich, denn es steht zu befürchten, dass man sich bald, neben den heute üblichen lebensverlängernden medizinischen Techniken, Lebenszeit wird kaufen können. Schon jetzt kann man diversen Würmern, Drosophilas und anderen Lieblingstieren der Gentechniker, die Lebenszeit fast verdoppeln.
Nun ist aber alles noch nicht Realisierte zu vage, um sich damit richtig beschäftigen zu können. Der intellektuelle Einsatz beschränkt sich deswegen auf Ethikkommissionen und Ethikfächer in Schulen und Unis, die selbst nicht so genau wissen, was sie sagen sollen und welche Kriterien sinnvoll angewandt werden können.

Interessant war die Debatte, die vor einigen Jahren von Prof. Peter Sloterdijk mit seiner Vorlesung "Regeln für den Menschenpark" angeregt wurde und dazu geführt hat, dass man ihn als Faschisten abgestempelt hat. Das ist er sicherlich nicht, dennoch würden mich diese Regeln sehr interessieren. Falls ich mehr in Erfahrung bringen kann, werde ich es posten.

Was ich aber kenne ist der Vortrag, den Sloterdijk, derzeit der einzige medienwirksame Philosoph, anlässlich des Kriegshypes um Saddams Schergen an der Uni München gehalten hat. Vorauszuschicken ist, dass er es beherrscht, alte Geschichten prägnant in die heutige Sprache umzuprägen. Dort hiess es, die Menschen der Renaissance und der Aufklärung haben versucht an den Geist der Griechen anzuknüpfen, genauer, sie wollten das griechische Stadion, den Sportsgeist. Teilweise mag das gelungen sein, die heutigen Olympiaden sind die ´grössten Massenkommunikationen´ neben den Grossveranstaltungen der Kirchen (Eurotaoismus, Sloterdijk). Aber die Medien haben letztlich dazwischengefunkt: Angefangen mit den Printmedien wurden zunehmend Gruselgeschichten verbreitet, ´Selbstverunsicherungen´, die jeden möglicherweise brauchbaren Informationsgehalt in den Hintergrund gedrängt haben. Brot und Spiele: Wie im Rom der Kaiserzeit werden die Massen mit grausamen Spektakeln unterhalten, die sie täglich neu frei Haus geliefert bekommen - Willkommen in der römischen Arena! Stadion gegen Arena; American Gladiators.

Und in so eine Zeit platzt die Gentechnik mit unabsehbaren Effekten hinein. Keine Zeit um Angst zu haben, wenig Hoffnung, dass sie wirkliche Verbesserungen (abgesehen von Schadensvermeidung, Notfallrettungsdiensten, Design) bringen wird. Letztlich ist jede Änderung wünschenswert, könnte man argumentieren, denn schlimmer als es schon gewesen ist wird es wohl nicht werden, obwohl ja viele (wie so oft) den Untergang herbeisehnen indem sie ihn für unvermeidlich halten.
Jeder Generation ihre Untergangsvisionen. Haben unsere Eltern vor einem Atomkrieg gezittert, müssen wir um die Biosphäre selbst fürchten.
Jeder Generation ihre Abwehr vor Neuerungen. Prognostizierten die Mediziner der industriellen Revolution, dass sich die Geschwindigkeit der Eisenbahn auf die Gesundheit der Menschen auswirken wird, befürchtete das Fin de Siecle einen Sittenverfall durch das Kino, die Nachkriegsgeneration via Fernsehen und unsere Eltern durch Video, so sind die heute noch immer gültigen technischen Schreckgespenster die Computerspiele. Aber dass vor dem ersten Weltkrieg in jeder österreichischen Schule der Unterricht mit dem Kaiser-Franz-Josef-Lied begonnen wurde wird schnell vergessen; Räuber und Gendarm. Wir stammen aus barbarischen Zeiten ab.

Posted by Philosoph at 14:55 | Comments (0) | TrackBack

07.08.03

Rhizom

"Wir sind nicht mehr wir selbst. Man hat uns unterstützt und vervielfältigt. Da jeder von uns mehrere war, machte das eine Menge aus.
Der Bezug auf ein vorhergehendes Buch - WAS kam denn schon darin vor?
Welche Sanftmut, niemals zu antworten."
(leicht verändert aus: Rhizom. in: Tausend Plateaus, Deleuze & Guattari)

Posted by zitator at 11:40 | Comments (0) | TrackBack

06.08.03

alles andere als alles anders als alle anderen

Es ist angeblich nicht indivduell, sein Aussehen besonders zu gestalten. Aber warum soll es individuell sein, im ersten Anschein nichts Kategorisierbares darzustellen?
... "So? Sie sind also Programmierer?" sagen die Leute und haben einen unbewusst ganz genauso kategorisiert wie sie einen Beamten oder Häftling vorurteilen.

Warum diese Angst, schubladisierbar zu sein? Ist nicht erst im Rahmen der Ähnlich-Gesinnten die Möglichkeit gegeben, sich weiter zu entwickeln, über diesen Rahmen hinaus zu gelangen? Dass dieses Aussehen selbst gewählt wurde so wie ein Beruf oder ein Hobby... "So? Sie sind also Programmierer?" sagen die Leute und haben einen unbewusst ganz genauso kategorisiert wie sie einen Beamten oder Häftling vorurteilen.
Viele wollen immer etwas anderes, besonderes sein, wehren sich dagegen, etwas besonderes oder etwas normales zu sein, und merken nicht, wie sie unversehens einfach nur den Zeitgeist oder den Geist einer anderen Epoche reproduzieren...

ALLES ANDERE ALS ALLES ANDERS ALS ALLE ANDEREN ! ! ! !

Posted by querulant at 16:14 | Comments (1) | TrackBack

05.08.03

Hab gehört 2

Wie sie sehen können herrscht bei uns strenge Qualitätskontrolle. Es ist nicht an mir das Schicksal zu hinterfragen. Trotzdem will ich ihnen meine jüngsten Erlebnisse nicht vorenthalten:

Gerade komme ich von einer kleinen Zusammenkunft zurück bei welcher ein Gedanke ausgesprochen wurde, den ich so vertreten noch nicht gehört habe. Wenn ich es richtig verstanden habe (zwischen den Zeilen) handelte es sich darum, dass heutzutage die Aufteilung der Gesellschaft in starre Segmente, sprich Bauer, Händler etc. nicht mehr greift und deswegen selbst Benennungen für Gruppen wie Punks, Hippies, Grufties, Raver, Prols, Künstler etc. irrelevant geworden sind, mögen sie auch erst in den 70/80er Jahren entstanden sein und zu der Zeit ihre Berechtigung gehabt haben. Die Kernaussage war, dass aus diesem Grund die Bezeichnungen selbst obsolet geworden sind und deswegen abgeschafft gehören.

Nun versteht jeder worauf das Argument abstellt: Unsere Zeit des Crossover (o.T.) verhindert eine eindeutige Zuschreibung weswegen es besser ist ganz darauf zu verzichten, weil man sonst Gefahr läuft den Individuuen im günstigsten Fall unrecht zu tun bzw. von Sachen redet, denen eine reale Grundlage entzogen ist.

Aber, und nun folgt das Gegenargument, sind erstens solche Bezeichnungen geschichtlich gewachsen und gehören folglich in das Jetzt konstitutiv dazu (siehe U-Bahn Werbung: "Die Vergangenheit geht bis Jetzt" ;) weil sie überhaupt erst einen Rahmen aufspannen in der Gesellschaft passieren kann. Zweitens weil sie als Fülle der Welt einen "Mehrwert" schaffen und es deswegen einfach schade ist sie abzuschaffen, die sie doch das eigentliche Salz in der Suppe sind.
Das wäre so als ob jemand argumentieren würde, dass es ja keinerlei Redundanzen in der Sprache bedarf weil ein Wort genügt um die Sache, das Prädikat zu bezeichnen. Aber was ist wenn auf den ersten Satz eine zweiter folgt in dem das selbe Wort gebraucht wird - wir würden über den Stil stöhnen.

Was beweisbedürftig ist?

Posted by Philosoph at 23:32 | Comments (0) | TrackBack

Anthropodizee

Letztens war ich Zeuge einer interessanten Diskussion: Es ging (mal wieder) um den Zustand der menschlichen Gesellschaft. Die Frage war, warum soviel Anlass zu Pessimismus besteht, weil beispielsweise die Massenkultur die Kreativität verhindert, die Kultur untergräbt und die Dummheit insgesamt zunimmt. Kurz, warum unsere ach so tolle Gesellschaft ein grosser Haufen Auswurf ist, wo doch alle wollen und sich bemühen, dass es besser wird

Nun war das interessante Argument es ist eben so, weil wir insgeheim wollen, selbst wenn wir das Gegenteil behaupten, dass alles so bleibt wie es ist. Die Argumentation zielte darauf ab, dass wir aus dem Schlechten Kraft schöpfen, dass wir das Schlechte brauchen, um uns darüber zu stellen und zu sagen: "Schaut, ich bin nicht so verdorben, ich bin besser, aber es ist eben nicht zu ändern." Dass wir insgeheim sogar wünschen, dass alles den Bach runtergeht. Und dieser "Fatalismus" ist ein wichtiges Element dieser Einstellung der verhindert, dass sich etwas ändern kann, weil wir schon allein wenn wir sagen wir glauben, dass es nicht besser werden kann, weil die Welt, die Menschen so schlecht sind, verhindern dass es besser wird, eben weil wir insgeheim Misanthropen sind, die allen das Schlechteste wünschen um das Dasein aushalten zu können.

Ein gutes Beispiel war der letzte Golfkrieg. Für die Argumentation ist es dabei irrelevant, wie man moralisch dazu steht, Tatsache ist, dass viele gegen diesen Krieg waren, gleichzeitig aber mit einem steigenden Fatalismus behaupteten, der Krieg wäre unvermeidbar (weil die Amerikaner .. usw.), deswegen sollte er möglichst kurz sein, danach geht es mit der Wirtschaft bergauf, das ist so wichtig, die Arbeitsplätze, etc.

Fazit: Wir wünschen uns keine Änderung weil wir davor mehr Angst haben als vor den bekannten Übeln, in mitten derer wir es uns bequem gemacht haben. Mehr als alles andere fürchten wir, dass sich unser Status ändern könnte, neue Kräfte aufkommen und uns unseren Platz streitig machen könnten.

Ich hoffe den Kern der Diskussion folgerichtig wiedergegeben zu haben, es war wohl einiges mehr dahinter, vielleicht fällt es mir wieder ein.

Posted by Philosoph at 22:36 | Comments (0) | TrackBack