09.12.03

Klimatologie 2

"Dass dieser weitgehend unbemerkten, steigernden, verfeinernden Grundtendenz der Humanevolution (Dekadenz) in zahlreichen Kulturen historischer Zeit eine Maske aus sekundären Abhärtungen und männlichen Kriegertugenden bis zur willkürlichen Verrohungen überzogen wurde, hat den Einblick in die Werkstatt der Evolution erschwert. Zu sehr hat man sich von der Gewalt und ihren inneren und äusseren Niederschlägen beeindrucken lassen. Es ist Zeit einzusehen, dass im Hinblick auf den Menschen gilt: Nichts ist erfolgreicher als die Dekadenz.

Durch die Betonung des Wohnens ist im Sinne des Territoriums nichts gesagt: Im Gegenteil, nur weil Menschen seit jeher in (wandernden oder lokal improvisierten) Gruppen-"Häusern" leben, können sie schon in einer relativ frühen Phase ihrer Geschichte Windpalisaden und Hütten, in einer späten Phase auch ortsfeste Häuser bauen, ja sogar Bodenrechte halluzinieren. [...] Man muss die Fähigkeit zu wohnen vom Festhalten an gebauten Häusern und okkupiert-bebauten Territorien lösen, um den Primat des raumbildenden Zusammenseins von Menschen mit Menschen vor dem architektonischen Hausbau radikal genug zu begreifen."

Sloterdijk, s.u.

Posted by Philosoph at 09.12.03 10:50 | TrackBack
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