o.W.
"Denn es gilt zu sehen: Heidegger wäre, seiner zentralen Denkleistung nach, auch dann kein Mann der Rechten, wenn er politisch noch verworrenere Sachen gesagt hätte, als es der Fall ist. Denn er sprengte mit seinem, wie ich es nenne, Kynismus der Zwecke als erster die utopisch-moralistischen Grosstheorien des 19. Jahrhunderts. Er bleibt mit dieser Leistung einer der Ersten in der Generation einer Neuen und Anderen Linken.
Sloterdijk, Peter, Kritik der zynischen Vernunft, 1983
Einer Linken, die sich nicht mehr an die hybriden geschichtsphilosophischen Konstruktionen des 19. Jahrhunders klammert; die sich nicht im Stil der dogmatisch-marxistischen Grosstheorie (ich ziehe diesen Ausdruck dem Wort Weltanschauung vor) für die Komplizin des Weltgeistes hält; die nicht auf die Dogmatik der industriellen Entwicklung ohne Wenn und Aber eingeschworen ist; die die borniert materialistische Tradition, die sie belastet, revidiert; die in keiner Weise mehr an dem naiven Glauben hängt, Vergesellschaftung wäre das Allheilmittel gegen die Misstände der Modernität. Ohne es wissen zu wollen (hierzulande sogar mit wütender Entschlossenheit, es nicht wahrzuhaben), ist die Neue Linke eine existentialistische Linke, eine neo-kynische Linke - ich riskiere den Ausdruck: eine Heideggersche Linke. Das ist, besonders im Land der kritischen Theorie, die ien schier undurchlässiges Tabu über den ´faschistischen´ Ontologen verhängt hat, ein ziemlich pikanter Befund. [...]
Gibt es nicht eine Fülle geheimer Ähnlichkeiten und Analogie zwischen Adorno und Heidegger? Wer könnte sagen, welcher von beiden die ´traurigere Wissenschaft´ formuliert hat?"
Lieber Zudnik!
Eine etwas krause Theorie über Heidegger. Ihn als Linken apologieren zu wollen habe ich noch nicht gelesen, aber fangen wir beim Ei an, um von da zum Huhn fortzuschreiten. Du erwähnst Heideggers Technikkritik, die ja auch Adorno geübt hat, um ihn von seiner Verantwortung als großer Philosoph, der er zweifelsfrei war, zu exkulpieren. Dabei gilt es zu beachten, dass Heidegger stets dem Ruf des Seinsgedanken gefolgt ist, der durch die neuzeitliche Technikgläubigkeit ins Hintertreffen gelangt war. An dieser Technikgläubigkeit hat auch Marx keine Schuld, gerade er erkannte die ENTFREMDUNG, die uns Menschen die Arbeit beschert. Das bedeutet auch weiters nicht, dass wir keiner Arbeit nachgehen sollen, sondern, dass die Produktionsverhältnisse umgestaltet werden sollen. Pikanterweise lebte ja Marx gemeinsam mit Engels in Manchester, wo letzterer eine große Fabrik besaß.
Die utopischen Großtheorien, die Du zitierst, sind Nachfahren des Hegelschen Großsystems, dass ja Hegel selbst unter der Hand explodierte. Was einem entgleitet, was kann man da dafür? Ich würde rein intuitiv den schwarzen Peter eher den USA zuschieben, die in größenwahnsinniger Manier und Manie ein Produktionsverhältnis geschaffen haben, das sich weltweit erstreckt, keinen aus seinen Fingern lässt, und für das die so genannte Dritte Welt noch immer bezahlen muss.
Wieso erwähnst Du großsprecherisch den Kynismus? Nach ursprünglicher Weise hätte der Kynismus nur da gestanden und hätte sich der Kynismus bloß gewundert über die Geschäftigkeit und Betriebsamkeit der Leute. Der Kynismus ist also ein nicht hoch genug zu schätzendes Erbstück der Antike!! Betreffend die Ähnlichkeiten und Analogien zwischen Adorno und Heidegger, so lege ich Dir Adornos Schrift "Jargon der Eigentlichkeit" ans Herz, in der er vor allem mit Heideggers Sprachverhunzung hart ins Gericht geht. So, das wars einmal fürs Erste, Weiteres folgt. Könntest Du mir nur noch mitteilen, was ein Bahnticket nach Perlin kostet? Greetings,
andie
80 - 90$. aber es gibt Kontingente, die einige wochen im voraus zu buchen sind, für 30$ - sehr empfehlenswert! bus kostet 55$.
die referenz ist eben Sloterdijk, mit fragen bitte an ihn zu wenden. Aufklärung sollte sein Wiederbelebung des Kynischen Geistes, Ähnlichkeyten zw. Adorno und Heidegger sind von den beiden nicht geplant, aber S. sieht sie. Marxismo ist eine messianische Grosstheorie und von vornherein eine Verarschung der Menschen - leider - gewesen. Erwähntes Buch sehr empfehlenswert.
Posted by: zitator at 16.11.03 13:41