Professor Challenger, der die Erde mit seiner Schmerzmaschine zum Schreien brachte, hielt einen Vortrag, nachdem er, einem äffischen Einfall nachgebend, verschiedene geologische und biologische Fachbücher miteinander vermengt hatte. Er erklärte, dass die Erde - die Deterritorialisierte, die Eiszeitliche, das Riesenmolekül - ein organloser Körper ist. Dieser organlose Körper wird von unbeständigen und ungeformten Materien durchquert, von Strömungen in allen Richtungen. Aber das war im Moment nicht das Problem. Denn auf der Erde entstand gleichzeitig ein wichtiges und unvermeidliches Phänomen, das unter manchen Aspekten sehr nützlich, unter vielen anderen aber bedauerlich war: Die Stratifizierung.
Challenger zitierte einen Satz, von dem er behauptete, er habe ihn in einem geologischen Fachbuch gefunden, und den man auswendig lernen müsse, weil man ihn erst später verstehen könne: "Eine Stratifizierungsfläche ist eine kompaktere Konsistenzebene zwischen zwei Schichten."
Die eher missmutigen Zuhörer beklagten sich über zahlreiche Missverständnisse, Fehlinterpretationen, Widersinnigkeiten und sogar Unterschlagungen im Vortrag des Professors, trotz der Autoritäten, auf die er sich berief und die er seine "Freunde" nannte. Der Professor war im übrigen weder Geologe noch Biologe, und man hatte schon lange vergessen, was sein Fachgebiet war. Er behauptete, er hätte eine Disziplin erfunden, für die er verschiedene Namen hatte: Rhizomatik, Stratoanalyse, Schizoanalyse, Nomadologie, Mikropolitik, Pragmatik, Wissenschaft von den Mannigfaltigkeiten, aber weder Ziele noch Methode noch die Begründung für diese Wissenschaft waren erkennbar.
Um die letzten Zuhörer am Gehen zu hindern, dachte Challenger sich einen besonders epistemologischen Dialog der Toten aus, in der Art eines Marionettentheaters. Geoffroy beschwor die Missgeburten herauf, Cuvier sortierte ordentlich alle Fossilien, von Baer schwenkte Glasbehälter mit Empryos, Vialleton schnallte sich einen Terapoden-Gürtel um, Perrier führte den dramatischen Kampf zwischen Mund und Gehirn vor, etc.
Geoffroy: Der Beweis für den Isomorphismus liegt darin, dass man durch "Faltung" immer von einer Form zur nächsten gelangen kann. Vom Wirbeltier zum Kopffüssler: man muss nur die beiden Rückgratenden des Wirbeltieres zusammenbringen, man muss nur seinen Kopf zu den Füssen hinunterbeugen und sein Becken hinauf zum Nacken...
Cuvier (wütend): Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr! Man kann nicht vom Elefanten zur Qualle gelangen, ich habe es versucht.
Der sanfte und subtile Geoffroy und der ernst und heftige Cuvier haben an der Seite von Napoleon gekämpft. Cuvier ist ein Mann der Macht und des Terrains, und das lässt er Geoffroy spüren, der seinerseits schon den nomadischen Menschen der Geschwindigkeit vorwegnimmt.
Challenger gab zu, dass er eine lange Abschweifung gemacht habe, fügte aber hinzu, dass es nicht möglich sei, das Abschweifen vom Nicht-Abschweifen zu unterscheiden. Es ging darum, in der Frage der Einheit und Verschiedenheit in ien und derselben Schicht, nämlich der organischen Schicht, zu verschiedenen Schlussfolgerungen zu kommen.
Auf die eine oder andere Weise neigt das Tier eher zur Flucht als zum Angriff, aber auch seine Fluchten sind Eroberungen, Schöpfungen.
Die meisten Zuschauer waren gegangen (als erste die Martinetisten mit der doppelten Gliederung, dann die Hjelmslevianer mit Inhalt und Ausdruck, dann die Biologen mit ihren Proteinen und Nukleinsäuren). Geblieben waren nur noch die Mathematiker, die an ganz andere Verrücktheiten gewöhnt waren, und ausserdem ein paar Astrologen, Archäologen und vereinzelte Zuhörer. Challenger hatte sich seit dem Beginn seines Vortrags auch verändert. Seine Stimme war rauher geworden und wurde manchmal von einem äffischen Husten gebrochen. Es war nicht so sehr sein Traum, menschlichen Wesen eine Vorlesung zu halten als vielmehr ein programm für reine Computer vorzustellen.
Da Schichten Gottesurteile sind, sollte man nicht zögern, sämtliche Spitzfindigkeiten der mittelalterlichen Scholastik und Theologie zu Hilfe zu nehmen.
Die Substanz ist in erster Linie eine vokale Substanz, die verschiedene organische Elemente ins Spiel bringt, nicht nur den Kehlkopf, sondern auch den Mund, die Lippen, die ganze Motorik des Gesichtes und das Gesicht als ganzes. In diesem Zusammenhang muss eine regelrechte Intensitätskarte berücksichtigt werden: der Mund als Deterritorialsierung der Schnauze; die Lippen als Deterritorialiserung des Mundes (nur Menschen haben Lippen, das heisst eine Ausstülpung der inneren Schleimhaut, nur weibliche Menschen haben Brüste, das heisst deterritorialisierte Brustdrüsen: die lange Stillzeit, die günstig für das Erlernen von Sprache ist, ist mit einer vollständigen Reterritorialisierung der Lippen auf der Brust und der Brust auf den Lippen verbunden). Was für eine merkwürdige Deterritorialisierung, bei der man seinen Mund mit Wörtern füllt und nicht mit Nahrung oder Geräuschen.
Die wissenschaftliche Welt erscheint tatsächlich als die Übersetzung aller Strömungen, Partikel, Codes und Territorialitäten der anderen Schichten in ein ausreichend deterritorialisiertes Zeichensystem, des heisst, in eine für die Sprache spezifische Übercodierung.
Wir müssen uns beeilen, sagte Challenger, bei dieser dritten Schicht kommen wir unter Zeitdruck. Hier beginnt die abstrakte Maschine sich zu entfalten, sich aufzurichten und eine Illusion zu erzeugen, die über alle Schichten hinausgeht, obwohl sie selber noch zu einer bestimmten Schicht gehört. Das ist offenbar die für den Menschen konstitutive Illusion (Für wen hält sich der Mensch?). Diese Illusion leitet sich aus der Übercodierung ab, die der Sprache immanent ist.
Aber welche Beziehung entsteht nun eigentlich zwischen Inhalt und Ausdruck, wie unterscheiden sie sich? All das existiert nur im Kopf. Und trotzdem hat es nie eine realere Unterscheidung gegeben. Sie ist nicht einfach real wie zwischen Molekülen, Dingen oder Subjekten, sie ist essentiell geworden (wie man im Mittelalter sagte), wie zwischen Attributen, Seinsweisenoder irreduziblen Kategorien: Dinge und Wörter.
Challenger wollte nun immer schneller vorankommen. Es war niemand mehr da, aber er machte trotzdem weiter. Die Veränderung seiner Stimme und seines Aussehens wurden immer deutlicher, es war etwas Animalisches in ihm, seit er angefangen hatte, über den Menschen zu sprechen. Es war noch nicht eindeutig, aber Challenger schien sich an Ort und Stelle zu deterritorialisieren. Die Liebhaber des Signifikanten beharren auf einer vereinfachten Situation als implizites Modell: Wort und Ding. Dagegen Foucault: Delinquenz ist keineswegs, auch nicht juristisch, eine Signifikant, dessen Signifikat das Gefängnis wäre. Die Ausdrucksform lässt sich übrigens nicht auf Wörter reduzieren; sie ist ein Komplex von Aussagen, die in einem als Schicht betrachteten sozialen Feld entstehen (genau das ist ein Zeichenregime). Die Inhaltsform lässt sich nicht auf ein Ding reduzieren, sondern nur auf einen Zustand von Dingen, der so komplex wie ein Machtgebilde ist (Architektur, Lebensplan etc.).
Kurz gesagt, man sollte Wörter niemals den Dingen gegenüberstellen, denen sie angeblich entsprechen sollen, und auch nicht Signifikanten und Signifikate, die angeblich übereinstimmend sind, sondern unterschiedliche Formalisierungen im Zustand eines instabilen Gleichgewichts oder wechselseitiger Voraussetzung. "Vergeblich spricht man das aus, was man sieht: das, was man sieht, liegt nie in dem, was man sagt."
Ausdruck und Inhalt können jedenfalls nicht auf Signifikat und Signifikant reduziert werden. Und (das ist das zweite Problem) sie sind auch nicht auf Basis und Überbau zu reduzieren. Sonst verkennt man das Wesen der Sprache, die nur in heterogenen Zeichenregimen existiert und die, anstatt eine Information in Umlauf zu bringen, eher widersprüchliche Befehle ausgibt.
Schliesslich gibt es noch ein drittes Problem. Es ist schwierig, das System der Schichten darzustellen, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, man wolle zwischen ihnen eine Art von kosmischer odere gar spiritueller Evolution konstruieren, so als seien sie nach Stadien geordnet und gingen durch Stufen der Vervollkommnung hindurch. Dem ist aber nicht so. Die verschiedenen Gestalten von Inhalt und Ausdruck sind keine Stadien. Es gibt keine Biosphäre oder Noosphäre, sondern überall immer nur eine und dieselbe Mechanosphäre. Die scheinbare Ordnunge kann auch umgekehrt werden, und technologische oder kulturelle Phänomene können ein guter Nährboden, eine gute Suppe für für die Entwicklung von Insekten, Bakterien, Mikroben oder sogar Teilchen sein. Das industrielle Zeitalter als Zeitalter der Insekten gesehen...
Die Konsistenzebene ist die Abschaffung aller Metaphern; alles was besteht ist real.
Wir müssen zusammenfassen, bevor wir unsere Stimme verlieren. Challenger kam zum Ende. Seine Stimme war unerträglich schrill geworden. Er konnte kaum noch atmen. Seine Hände waren zu langen Zangen geworden, die nichts mehr festhalten konnten, aber noch unsicher auf etwas zeigten. Es waren zuhörer zurückgekommen, aber sie waren nur Schatten oder Vagabunden. "Haben sie gehört? Das ist eine Tierstimme." Wir müssen zusammenfassen, fixieren, die Terminologie festlegen so gut es geht, nur so.
Es war vorbei. Das Ganze würde erst später eine konkrete Bedeutung bekommen. Entgliedert, deterritorialisiert murmelte Challenger, er werde die Erde mitnehmen, er werde in eine geheimnisvolle Welt aufbrechen, seinen Garten der Gifte. Er flüsterte noch: Wilde Flucht lässt die Dinge voranschreiten und die Zeichen wuchern. Niemand hatte die Zusammenfassung gehört, und niemand versuchte, Challenger aufzuhalten. Challenger, oder was von ihm übriggeblieben war, eilte langsam der Konsistenzebene entgegen und folgte dabei einer bizzaren Bahn, die schon an nichts mehr gebunden war.
Guattari & Deleuze, 10 000 v. Chr. Geologie der Moral (Für wen hält sich die Erde?). in: Kapitalismus und schizophrenie II. Tausend Plateaus, 1980
Posted by zitator at 10.11.03 18:04 | TrackBack