10.10.03

1929: Das Unbehagen in der Kultur

Die Essayistik dieser Jahre war geprägt vom unbehaglichen Gefühl einer untergehenden, verkehrten oder entfremdeten Welt. Die Diagnosen waren düster und die Therapieangebote zahlreich. Konjunktur hatten die Versuche, das unheile Ganze aus einem Punkt zu kurieren. [Die Lösungen der Krisenphilosophie] trugen verschiedene Namen: "Proleteriat", das "Unbewusste", die "Seele", das "Heilige", das "Volkstum" usw. [Zwei Jahre vor SEIN UND ZEIT] grassierten fanatischer Antisemitismus und Rassendenken, begann die "Bolschewisierung" der KPD, schrieb Hitler in Landsberg "Mein Kampf", suchten Millionen ihr Heil in sektiererischen Bewegungen - Okkultismus, Vegetarismus, Nacktkultur, Theo- und Anthroposophie, es gab viele Erlösungsversprechen und Orientierungsangebote. Das Trauma der Geldentwertung hatte die Geschäfte der Inflationsheiligen blühen lassen.

[...]

Für den Monomanen der "verkappten Religion" schrumpfte die Welt. "Er findet in allem und jedem Ding nur noch die Bestätigung seiner Meinung" die er mit der Inbrunst des Glaubens verteidigt gegen die Welt und den eigenen Zweifel.
SEIN UND ZEIT gehörte in diese krisenhafte Stimmungslage, aber unterschied sich vom einschlägigen Genre dadurch, dass hier keine Therapie angeboten wurde. Freud hatte 1929 seine Diagnose über das "Unbehagen in der Kultur" mit den Worten eingeleitet: "So sinkt mir der Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich ihrem Vorwurf, dass ich ihnen keinen Trost zu bringen weiss, denn das verlangen sie im Grunde alle." Diese Worte passen auch auf das Heideggersche Unternehmen.

Safranski, Rüdiger, Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit

Posted by zitator at 10.10.03 12:18 | TrackBack
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