28.08.03

Sloterdijk über Sprache, Nietzsche und Hitler

Sprachen sind gruppennarzistische Instrumente, die gespielt werden, um die Spieler zu stimmen und nachzustimmen; sie lassen ihre Sprecher in eigentümlichen Tonlagen der Selbsterregung klingen.

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Wer spircht macht Schulden; wer weiterspricht, redet, um zu tilgen. Das Ohr wird dazu erzogen, keinen Kredit zu geben und seinen Geiz als kritisches Bewusstsein zu deuten.

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Kitsch ist die Weltsprache der triumphierenden Massenkultur; er beruht auf der mechanisierten Nachahmung des Erfolg.

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Hitlers Erfolgsstrategie als Pop- und Kitschpolitiker bestand darin, einen Pop-Nationalismus mit einem Event-Militarismus so zu verbinden, dass er die Massenarzissmen auf dem einfachsten Weg zum Aufbrausen brachte.

Dabei spielten radiophone Erfassungstechniken und para-militärische Liturgien unter offenem Himmel die Schlüsselrolle.

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Die Marke Nietzsche konnte in den semantischen Werbefeldzügen der NS-Bewegung insoweit eine Rolle spielen, als man in ihren Imitationen die unversöhnlich individualistischen und avantgardistischen Grundwertungen wegliess und nur die Aufsteiger-Attitüden mitsamt dem martialischen Spruch-Dekor behielt.
Hitlers Anhang hat Nietzsche mit der Schere bearbeitet und in ein kollektivistisches Evangelium geklebt - nachdem zuvor bereits die Schere der Schwester ein Ready-Made der Marke Nietzsche verfertigt hatte.

Man muss zur Schande der deutschen Universitätsphilosophie nach 1933 bemerken, dass sie es auf ihrem Niveau genauso gemacht hat, ebenso wie die Antinietzscheaner, die bis heute über die Zusammenstellung von selbstgeklebten Belastungs-Dossiers nicht hinauskommen - aber wie weit muss man zurückgehen, um Universitätsphilosophen zu finden, die nicht mit der Schere philosophieren?

Peter Sloterdijk, Über die Verbesserung der guten Nachricht. Nietzsches fünftes "Evangelium"

siehe auch Schicksal und Strahlungen

Posted by zitator at 28.08.03 18:47 | TrackBack
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