09.08.03

Menschenpark

Werdet reich, denn es steht zu befürchten, dass man sich bald, neben den heute üblichen lebensverlängernden medizinischen Techniken, Lebenszeit wird kaufen können. Schon jetzt kann man diversen Würmern, Drosophilas und anderen Lieblingstieren der Gentechniker, die Lebenszeit fast verdoppeln.
Nun ist aber alles noch nicht Realisierte zu vage, um sich damit richtig beschäftigen zu können. Der intellektuelle Einsatz beschränkt sich deswegen auf Ethikkommissionen und Ethikfächer in Schulen und Unis, die selbst nicht so genau wissen, was sie sagen sollen und welche Kriterien sinnvoll angewandt werden können.

Interessant war die Debatte, die vor einigen Jahren von Prof. Peter Sloterdijk mit seiner Vorlesung "Regeln für den Menschenpark" angeregt wurde und dazu geführt hat, dass man ihn als Faschisten abgestempelt hat. Das ist er sicherlich nicht, dennoch würden mich diese Regeln sehr interessieren. Falls ich mehr in Erfahrung bringen kann, werde ich es posten.

Was ich aber kenne ist der Vortrag, den Sloterdijk, derzeit der einzige medienwirksame Philosoph, anlässlich des Kriegshypes um Saddams Schergen an der Uni München gehalten hat. Vorauszuschicken ist, dass er es beherrscht, alte Geschichten prägnant in die heutige Sprache umzuprägen. Dort hiess es, die Menschen der Renaissance und der Aufklärung haben versucht an den Geist der Griechen anzuknüpfen, genauer, sie wollten das griechische Stadion, den Sportsgeist. Teilweise mag das gelungen sein, die heutigen Olympiaden sind die ´grössten Massenkommunikationen´ neben den Grossveranstaltungen der Kirchen (Eurotaoismus, Sloterdijk). Aber die Medien haben letztlich dazwischengefunkt: Angefangen mit den Printmedien wurden zunehmend Gruselgeschichten verbreitet, ´Selbstverunsicherungen´, die jeden möglicherweise brauchbaren Informationsgehalt in den Hintergrund gedrängt haben. Brot und Spiele: Wie im Rom der Kaiserzeit werden die Massen mit grausamen Spektakeln unterhalten, die sie täglich neu frei Haus geliefert bekommen - Willkommen in der römischen Arena! Stadion gegen Arena; American Gladiators.

Und in so eine Zeit platzt die Gentechnik mit unabsehbaren Effekten hinein. Keine Zeit um Angst zu haben, wenig Hoffnung, dass sie wirkliche Verbesserungen (abgesehen von Schadensvermeidung, Notfallrettungsdiensten, Design) bringen wird. Letztlich ist jede Änderung wünschenswert, könnte man argumentieren, denn schlimmer als es schon gewesen ist wird es wohl nicht werden, obwohl ja viele (wie so oft) den Untergang herbeisehnen indem sie ihn für unvermeidlich halten.
Jeder Generation ihre Untergangsvisionen. Haben unsere Eltern vor einem Atomkrieg gezittert, müssen wir um die Biosphäre selbst fürchten.
Jeder Generation ihre Abwehr vor Neuerungen. Prognostizierten die Mediziner der industriellen Revolution, dass sich die Geschwindigkeit der Eisenbahn auf die Gesundheit der Menschen auswirken wird, befürchtete das Fin de Siecle einen Sittenverfall durch das Kino, die Nachkriegsgeneration via Fernsehen und unsere Eltern durch Video, so sind die heute noch immer gültigen technischen Schreckgespenster die Computerspiele. Aber dass vor dem ersten Weltkrieg in jeder österreichischen Schule der Unterricht mit dem Kaiser-Franz-Josef-Lied begonnen wurde wird schnell vergessen; Räuber und Gendarm. Wir stammen aus barbarischen Zeiten ab.

Posted by Philosoph at 09.08.03 14:55 | TrackBack
Comments
Post a comment









Remember personal info?